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Kolumne: Anne Zuber über die Weltherrschaft von Design-Hotels

Kolumne: Anne Zuber über die Weltherrschaft von Design-Hotels
© SCHÖNER WOHNEN; Silja Götz
Es soll ein Zuhause auf Zeit sein. SCHÖNER WOHNEN-Kolumnistin Anne Zuber fragt sich, warum dann so viele Hotelzimmer am Gast vorbei geplant sind.

Vor Kurzem war ich von einem großen Technologiekonzern in die Jury eines Design-Wettbewerbs eingeladen worden. Weil die Sitzung frühmorgens begann, hatte mir die Dame vom Technologiekonzern für die Nacht davor ein Zimmer reserviert. Die Unterkunft lag an einer sechsspurigen Ausfallstraße, der Eingang wurde von riesigen Betonkübeln flankiert, in denen zwei mickrige Koniferen ums Überleben kämpften.

Buchenfakeresopaloberflächen und unklaubare Kleiderbügel

An der Rezeption begrüßte mich ein Angestellter in burgunderrot-türkisfarbener Uniform mit den Worten: Willkommen, Frau Zuber, leider sind wir ausgebucht. Raucher okay für sie? Als er meinen Gesichtsausdruck sah, fügte er hinzu: "Sonst habe ich nur noch behindert.“ Wer je in den 80er-Jahren eine Nacht in einem städtischen Krankenhaus verbringen musste, memoriere jetzt bitte einmal das dortige Badezimmer und hat dann ein sehr genaues Bild davon, wie meine barrierefreie Nasszelle aussah. Der Himmel für alle mit einem Haltegriff-Fetisch. Ansonsten: Buchenfakeresopaloberflächen, schmutzfreundlich gefleckter Teppich, Kunstledermappe mit Minibarpreisen auf dem Schreibtisch und vier unklaubare Kleiderbügel im Schrank.

"Das ist die Fischsauce"

erklärte mir der recht bekannte Architekt, den ich ein paar Wochen später bei einer Veranstaltung traf. Er hatte gerade ein Zimmer für ein Boutique-Hotel geplant, selbstverständlich komplett kunstledermappenfrei, und eine interessante Theorie entwickelt. Die Ausdehnung des römischen Reiches unter Cäsar habe seiner Meinung nach nur funktioniert, weil die Legionäre, egal, wo sie waren, immer eine stark riechende Sauce über die Soldatenkost gekippt hätten, deren Geschmack sie an ihre Heimat erinnerte. Genau das sei auch das Erfolgsprinzip der großen amerikanischen Hotelketten gewesen, deren Zimmer immer gleich eingerichtet waren, egal ob man in Minneapolis, Mannheim oder Málaga eingecheckt hatte.

Der amerikanische Handlungsreisende fühlte sich stets zu Hause und konnte Geschäfte machen wie der Teufel. Und weil diese Strategie so erfolgreich war, haben alle anderen Hotels weltweit diesen Standard übernommen. Ich fand, das klang sehr einleuchtend, aber vielleicht lag es auch daran, dass es zu dem Gespräch perlende alkoholische Getränke gab. Wieder nüchtern, fiel mir auf, dass die Sorte Hotel, von der der Architekt geredet hatte, womöglich bereits vom Untergang bedroht ist und die Design-Hotels kurz davor stehen, die Weltherrschaft zu übernehmen. Design-Hotels erkennt man beispielsweise daran, dass das Badezimmer fehlt. Waschbecken und Dusche werden einfach ins Zimmer geschraubt, manchmal abgetrennt durch eine halbe Glaswand, das WC in einem separaten Raum ist ein Luxus. Auf Bildern sieht das jung, hip und unkompliziert aus, in der Realität bedeutet es, dass man im Bett liegend einen ausprochen guten Blick auf den Partner bei der Zahnzwischenraumreinigung hat.

Duschhaube ist Fischsauce

Für wen sind solche Hotelzimmer gestaltet? Für Menschen mit sehr schwachen Augen? Aber wenn das die Zielgruppe ist, warum ist dann die Dusche so kompliziert zu bedienen? Die Armaturen sind oft in einem Maß modern, dass man weder erkennen kann, wie man die Temperatur einstellen muss, noch aus welcher der zahlreichen Brausemöglichkeiten einen der erste Strahl erwischen wird. Nicht selten kleben schon kleine selbst gebastelte Schilder mit Bedienhinweisen auf den Fliesen. Sie lassen vermuten, dass ihrer Anbringung viele verzweifelte Anrufe bei der Rezeption vorausgegangen sind und mancher Gast, der eigentlich keine Haare waschen wollte, plötzlich den Guss aus der Regendusche abbekam. Wäre ja nicht schlimm, gäbe es eine Duschhaube im Designhotel, aber nein, natürlich nicht, Duschhaube im Kartonpäckchen ist total Fischsauce.

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