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Kolumne: Anne Zuber kocht Kaffee

SCHÖNER WOHNEN-Kolumnistin Anne Zuber möchte nicht den Schwarzen Gürtel in Kaffeewissen machen und trotzdem guten Kaffee trinken.

Der Mann meiner Freundin Nadine kocht sich seinen Espresso jetzt mit einer Siebträgermaschine, die doppelt so viel gekostet hat wie mein erstes Auto und fast ebenso groß ist. Sie hat zwei Heizkreisläufe, die mit jeweils 1600 Watt betrieben werden und die rund um die Uhr laufen müssen, denn so eine Maschine muss heiß sein, bis in den hintersten Winkel und die kleinste Schraube hinein. Ansonsten, sagt der Mann von Nadine, kann die Brühe, die herauskommt, höchstens dem Ausfluss zugemutet werden.

Von der Toskanafraktion zum amerikanischen Coffeeshop

Nadine hat ihren Mann darauf hingewiesen, dass ein mittelstarker Heizlüfter weniger Strom verbraucht, woraufhin Nadines Mann erklärte, sie könne gern versuchen, mit einem Heizlüfter Kaffee zuzubereiten, er bevorzuge die althergebrachte Art und Weise. Wobei althergebracht relativ ist, denn bevor erst die Toskanafraktion und später die amerikanischen Coffeeshops unseren Kaffeekonsum nachhaltig verändert haben, war die Frage höchstens, welches Pulver man in seine Filtermaschine hineinkippt. Orientierung lieferte dabei die Fernsehwerbung.

Ich erinnere mich gut an Beispiele aus den Achtzigerjahren, in denen Frauen, die frisiert und geschminkt waren, als würden sie bei Denver Clan mitspielen, mit abgespreizten Fingern aus klassischen Porzellantassen tranken, genüsslich die Augen verdrehten und etwas von Aroma seufzten.

Natürlich würde Nadines Mann die beworbenen Produkte niemals benutzen, er verwendet ausschließlich frisch in seiner eigenen Mühle gemahlene Bohnen eines lokalen Hamburger Unternehmens. Im Internet habe ich ein Video mit einem Interview des Mitarbeiters gesehen, der dort für die Röstung verantwortlich ist, dem "Head Roaster“. Darin erklärt er, was der First und Second Crack ist, redet von Referenzkurven und Röstparametern und sitzt dabei mit verwuschelter Frisur, Dreitagebart und vielen Bildern auf den Oberarmen vor einer Backsteinwand, als sei das Ganze ein Bewerbungsvideo für eine Aufenthaltsgenehmigung in Hipsterhausen.

Identitätsstiftendes Ereignis

Gerade lese ich ein Buch über die Geschichte der Menschheit und frage mich, wie sich die Zivilisation jetzt fühlen muss. Sie hat uns vom Jagen und Sammeln über das Getreideanbauen und die industrielle Revolution in die Gegenwart geführt, und jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem eine so alltägliche Handlung wie Kaffeetrinken zu einem identitätsstiftenden Ereignis geworden ist. Rauft sie sich die Haare und jammert, das habe sie nicht gewollt? Dann kann ich ihr nur raten, auf einen Cappuccino bei Nadines Mann zu klingeln, der wird sie wieder versöhnen, denn ganz ehrlich: fa-bel-haft.

Espressokocher, Stofffilter und Handmühle

Ich würde viel dafür geben, einen solchen Kaffee zu Hause herstellen zu können. Aber diese Maschine schüchtert mich ein, all die Technik, die Regler, die Rädchen machen mir Angst. Ich bleibe bei schlichteren Produktionsprozessen. Weil bisher keiner davon ein Ergebnis zustande bringt, der mit dem Genuss eines guten Cappuccino vergleichbar wäre, werden es immer mehr Gerätschaften. Derzeit hantiere ich abwechselnd mit dem Espressokocher, der French-Press-Kanne, einem Handfilter, einem Drip-Pot-Woodneck mit Stofffilter, wie er in Japan gern verwendet wird, sowie verschiedenen Espressobohnensorten und einer Handmühle. Als ich Letztere zum ersten Mal morgens einsetzte, fragte mich mein Mann, ob ich mich damit für die Rolle der Großmutter in "Räuber Hotzenplotz“ bewerben wolle. Leider trinkt mein Mann keinen Kaffee, sonst würde ich ihm jetzt einen Kopi Luwak kredenzen, eine in Feinschmeckerkreisen bekannte indonesische Kaffeespezialität, die ihre Exklusivität der Tatsache verdankt, dass die Bohnen, aus denen er gemacht wird, von der Schleichkatze ausgeschieden werden. Man könnte auch sagen: Katzenkacke. Aber das verraten wir der Zivilisation lieber nicht.

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