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Kolumne: Anne Zuber hat ein Leuchtenproblem

SCHÖNER WOHNEN-Kolumnistin Anne Zuber braucht dringend eine neue Stehleuchte und womöglich auch einen Psychiater.

Neulich las ich auf einer Einkaufstasche: "Shopping is cheaper than a psychiatrist“, was suggeriert, Konsum sei effektiver als Analyse. Das kann ich nicht bestätigen.

Ich befinde mich nämlich in einem Zustand, in dem ich erst einmal einen Psychiater brauche, damit mir das Geldausgeben gelingt. Sie kennen doch den Esel, der zwischen zwei Heuballen verhungert? Ich bin dieser Esel, die Heuballen sind verschiedene Stehleuchten, und die dunkle Sofaecke ist bei uns zu Hause. Seit Monaten möchte ich dort eine Lampe haben und finde keine. Wie kann das sein, werden Sie jetzt fragen, dass eine Person, die bei Europas größtem Wohnmagazin arbeitet, nicht in der Lage ist, ein schlichtes Möblierungsproblem zu lösen?

Wer, wenn nicht sie, kennt sämtliche Designer-Stehleuchten mit Vornamen und Sternzeichen?

Die Fülle der Möglichkeiten

Ja, stimmt! Aber die Fülle der Möglichkeiten überfordert mich. Ich bin unfähig, die Lampe aus dem Katalog neben unserem Sofa zu imaginieren. Und was bedeuten all diese modernen Leuchtstoffbezeichnungen? Gott, war das Leben einfach, als es noch 60-Watt-Birnen gab. Kurz: Ich bin stehleuchtenbezüglich dem Warenüberangebot unserer Wohlstandsgesellschaft hilflos ausgeliefert. Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich aus anderem Konsumholz geschnitzt bin. Normalerweise kaufe ich furchtlos, effektiv und konsequent. Sie können sich gern mal mein Schuhregal ansehen. Warum ich dieses Lampenproblem habe? Ich weiß es nicht.

An einem Tag bin ich mir sicher, dass es ein italienischer Klassiker aus den 60er Jahren sein muss, am nächsten präferiere ich den Entwurf des französischen Designerduos, und am übernächsten bettele ich in den Büros meiner Kollegen um eine weitere Beratung. Anfangs waren sie hilfsbereit, haben mir ihre Favoriten erläutert (es gab keinerlei Übereinstimmung untereinander) und mir (übereinstimmend) geraten, ein Modell auszuleihen und auszuprobieren. Mittlerweile lassen sie durchblicken, dass der Tag, an dem ich mich entschieden haben werde, der Tag sein wird, an dem man das Knallen der Champagnerkorken auch noch am anderen Ufer der Elbe hören kann.

Nur mein Mann wird nicht mit anstoßen. Er ist nämlich nicht der Meinung, dass wir noch mehr Licht in unserem Leben brauchen.

Hell ist ungemütlich und doof,

sagt er und dimmt die Lampe runter, die ich gerade angeknipst habe."Dunkel ist doof und ungemütlich“, sage ich, "dauernd rennt man gegen Möbel“, und lasse es wieder heller werden. Wahrscheinlich war mein Mann in seinem vorigen Leben ein Kauz. Im vorigen Leben? Wenn er während der dunklen Jahreszeit morgens das Schulbrot unseres Sohnes schmiert, ist das Teelicht im Stövchen seine einzige Lichtquelle. Sobald ich hinzukomme und das Licht einschalte, brüllt er wie ein Isolationshäftling, der nach dreimonatigem Aufenthalt in der dunklen Zelle wieder ans Licht gezerrt wird.

Nachtschattengewächs und Sonnenblume

Es ist ein Wunder, dass unsere Ehe funktioniert. Ira und George Gershwin haben einen Song über uns geschrieben: "Let’s call the whole thing off“. Er ist das Nachtschattengewächs, ich bin die Sonnenblume. Er ist der Grubenarbeiter, ich bin die Kellnerin in der griechischen Taverne. Je länger ich darüber nachdenke, desto unglaublicher scheint es mir, dass wir überhaupt ein Paar sind. Wahrscheinlich ist das auch das Geheimnis meiner Entscheidungsunfähigkeit. Ich spüre den ehelichen Konflikt und weiche ihm durch Vermeidung aus. Wow! Kolumnenschreiben ist billiger als ein Psychiater!

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