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Stefan Diez: "Still sitzen ist eine ungesunde Sache"

Industriedesigner Stefan Diez ist bekannt für radikale Konzepte, kluge Konstruktionen und sinnstiftende Möbel- und Leuchtensysteme. Im Interview sprachen wir mit dem Münchner über optimale Büro-Ausstattungen, dynamisches Sitzen und produktive Pausen.
Stefan Diez

Herr Diez, wie sieht Ihr Büro aus?
Ich habe immer versucht, Arbeiten und Wohnen nicht zu trennen. Das habe ich mir bei meinen Eltern abgeguckt. Ich bin ja quasi in der Schreinerei meines Vaters aufgewachsen. Die war direkt an unser Wohnhaus angeschlossen. Also war ich es gewohnt, dass beim Frühstück oder Mittagessen über die Arbeit gesprochen wurde. Es gab da keine Trennung, alles gehörte zusammen.

Sie haben also gar kein eigenes separates Büro?
Nein. Ich sitze häufig unten im Studio an einem großen Holztisch und manchmal oben auf der Galerie an einem Schreibtisch, den ich sehr mag – es ist das Meisterstück meines Vaters.

Was gehört aus Ihrer Sicht zu einem gut funktionierenden Büro dazu? Was ist verzichtbar?
Ich glaube, eine gute Aussicht ist sehr wichtig. Große Fenster mit guter Aussicht, eine Kaffeemaschine, ein Kühlschrank, der mit Bier, Crémant und Weißwein gefüllt ist.

Weshalb entwickeln Sie dann so komplexe Bürostühle wie etwa das Modell "D1"?
Ich glaube, der "D1" dürfte einer der einfachsten Bürostühle sein, die es derzeit überhaupt gibt. Seine Mechanik ist so minimal, so klein, die sieht man ja fast gar nicht mehr!

Stuhl "D1 Low" von Wagner Living

Auch der netzbespannte Lounger "D1 Low" verfügt über das Federgelenk, das aktives Sitzen ermöglicht. Um Regalsystem "D2" immer wieder neu konfigurieren zu können, entwickelte Diez ein steckbares Verbindungselement.

Für das Möbel haben Sie etwas erfunden, was der Hersteller "Syncro multiaxiales Federgelenk" nennt. Klingt kompliziert.
Klar, das hört sich erst mal wie irgendein Gesundheitsding an. Dabei geht es nur darum, still sitzen zu vermeiden, denn das ist auf lange Sicht eine sehr, sehr ungesunde Angelegenheit. Unsere Idee war, vom statischen ins dynamische Sitzen zu kommen und die Bauch- beziehungsweise Rückenmuskulatur anzuregen. Das Federgelenk des "D1" fördert dynamisches Sitzen, es ermöglicht separate Kippbewegungen von Sitzfläche und Rückenlehne.

Braucht man im Homeoffice solch einen Bürostuhl, oder reicht ein Universalstuhl wie Ihr Entwurf "Chassis"?
Für jemanden, der sich zwei Stunden an den Küchentisch setzt, um schnell ein paar E-Mails zu schreiben, ist so ein Stuhl sicherlich okay. "Chassis" hat aber keine Räder, und die sind beim Arbeiten schon sehr komfortabel – auch fürs dynamische Sitzen. Ich benutze selbst gern Stühle mit Rollen, brauche dafür aber keine Armlehnen.

Welche Rolle spielen bei Ihrer Arbeit außer sinnvoller Ergonomie ökologische Aspekte?
Egal ob bei Projekten wie "Chassis", der Leuchtenfamilie "Ayno" oder dem Regalsystem "New Order": Es geht bei unserer Arbeit immer um sehr ähnliche Prinzipien. Wir wollen Produkte so konstruieren, dass man sie reparieren und am Ende auch zurückgeben kann – und zwar den Materialsorten entsprechend getrennt. Das Zurückgeben von Produkten wird in Zukunft hoffentlich so selbstverständlich zu ihrem Lebenszyklus dazugehören wie das Kaufen.
 

Möbelsysteme wie "New Order" gelten als besonders nachhaltig. Warum eigentlich?
An "New Order" arbeiten wir jetzt seit zehn Jahren. Es war das erste Regalsystem, das wir entworfen haben. Es hat uns gezeigt, welche Vorteile es bringt, wenn man Anknüpfungspunkte hat, die es einem erlauben, so ein Projekt ständig zu verbessern und weiter auszuformulieren. Idealerweise entwickelt sich so ein System dann immer weiter und passt sich auf logische Weise den sich verändernden Bedürfnissen der Nutzer an. Deshalb muss es auch nicht so schnell entsorgt werden wie ein Einzelmöbel. Systeme können sehr langlebig sein. Das ist das Schöne an meinem Job – ich bin immer noch überrascht, was man aus solchen Projekten herausholen kann.

Man las kürzlich, Sie hätten ein Sabbatical geplant. Wie kam es dazu?
Ich hatte die feste Absicht, eine Pause einzulegen. Im Sommer 2019 habe ich eine längere Fahrradtour gemacht, weil ich dringend mal Zeit mit mir selbst brauchte, um über ungelöste Themen nachzudenken – auch Fragen nach der zu- künftigen Ausrichtung meiner Arbeit. Ich bin also fünf Wochen allein durch die Alpen gefahren. Das hat sehr gut funktioniert. Weihnachten habe ich meinem Team dann gesagt: Hey, nächstes Jahr werde ich ein Sabbatical machen.

Wie hat Ihre Mannschaft darauf reagiert?
Na ja, erst mal kam dann im Februar ja Corona, und aus der ursprünglichen Idee wurde quasi für alle ein Zwangs-Sabbatical. Mein Glück war, dass ich auf diese Pause vorbereitet war. Ich habe es genossen, dass die ganze Designmaschinerie einmal komplett zum Erliegen gekommen ist und ich in dieser Zeit mich und das Office neu organisieren konnte.

Es ist schwer vorstellbar, dass jemand, der so leidenschaftlich arbeitet wie Sie, überhaupt eine Pause einlegt.
Ich bin gern in meinem Studio und in der Werkstatt. Aber seit ich vor drei Jahren beschloss, mit den Studenten am Fachbereich Industriedesign an der Angewandten in Wien zu arbeiten, war ich plötzlich in der Lage, zwei, drei Schritte weiter in die Zukunft zu denken. Das hat viel angestoßen, und ich brauchte Zeit, mich neu zu sortieren. Das ging während des normalen Büroalltags nicht.

Tipp: Noch mehr Infos zum Thema "Work Life" finden Sie in unserer Studie: "Neues Arbeiten in Deutschland - Wie sich Arbeitsweisen, Homeoffice und Bürokonzepte verändern".

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Möbelsystem "New Order" von Stefan Diez

Passt sich den Bedürfnissen des Nutzers an: Das Möbelsystem "New Order" wird von Stefan Diez und seinem Team seit zehn Jahren weiterentwickelt. Es sei "erstaunlich, was man aus Projekten herausholen kann", so der Designer.

Zur Person:

Stefan Diez (50) stammt aus einer Handwerkerfamilie. Nach seiner Tischlerlehre studiert er in Stuttgart Industriedesign. Diez arbeitet für Richard Sapper und Konstantin Grcic, bevor er 2002 sein eigenes Studio in München gründet. Diez Office gilt heute als eines der profiliertesten Designstudios Europas – bekannt für große Lust am Experiment und leidenschaftliche Suche nach innovativen Designideen. Die Kunden sind mal prominent wie Thonet, Hay, E15, Emu, Wagner, Magis und Kvadrat, mal Start-ups wie Meetee, Midgard und Dante. Seit 2018 lehrt Stefan Diez an der Universität für angewandte Kunst in Wien.