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Können grüne Fassaden unser Klima retten?

Architekt und Vorsitzender des BDA, Daniel Kinz, im Interview über die Wirkung Grüner Fassaden, architektonische Herausforderungen bei nachhaltigen Aspekten und potentielle Beiträge gegen den Klimawandel.
Grüne Fassaden

Herr Kinz, aktuell scheinen Grüne Fassaden in aller Munde. Ein aktueller Trend oder eine bleibende Veränderung in Sachen Architektur und Umwelt?
Daniel Kinz: Ich glaube, die Grünen Fassaden sind ein Thema, das bereits seit langer Zeit, seit über 50 Jahren immer mal wieder laut wird. Wann immer neue Immobilien geschaffen werden, geht es in der letzten Zeit darum, sie naturnah zu gestalten, weshalb auch die Fassadenbegrünung eine immer wichtigere Rolle spielt. Zum einen wird immer mehr Menschen die Klimakatastrophe bewusst, zum anderen rücken die Städte immer mehr zusammen und es findet eine Verdichtung statt. Als Architekt weiß ich, je näher man die einzelnen Gebäude zusammenrückt, desto mehr muss man sich auch um die Zwischenräume kümmern. Im Prinzip ist die Fassade die Vertikale des Freiraums. Ich glaube nicht, dass in Zukunft alle Häuser eine Grüne Fassade besitzen, aber in den verdichteten Teilen der Städte wird das Thema eine größere Rolle einnehmen.

Was sind die Vor- und Nachteile der grünen Fassaden in der Stadt?
Gerade in einer "vollen" Stadt gibt es natürlich wenig Grünflächen und Freiräume, da kann die Grüne Fassade zumindest im Mikroklima ihren Beitrag leisten. Außerdem wirkt ein Haus durch die Grüne Fassade lebendiger und nimmt direkter an den Jahreszeiten und dem Wetter teil. Wenn die Begrünung gut gepflegt wird, stellt diese auch eine gestalterische Bereicherung der Architektur dar. Man muss sich natürlich darüber bewusst sein, dass durch die Begrünung das Haus ein Stück weit verschwindet und im Herbst und Winter beispielsweise anders aussehen wird, als im Frühjahr und Sommer. Außerdem darf man nicht vergessen, dass so eine begrünte Fassade Zeitaufwand mit sich bringt. Die Wurzeln brauchen einen Ort zum Ausschlagen, das ganze Konstrukt muss bewässert werden und bedarf regelmäßiger Pflege. Passiert dies nicht, kann die Pflanzenwand eine Gefahr darstellen, da die Wurzeln die Fassade beschädigen oder vertrocknete Pflanzen ein Brandrisiko des Gebäudes erhöhen.

Architekt Daniel Kinz

Architekt Daniel Kinz über das Potential grüner Fassaden an Hauswänden.

Also ist es möglich, dass die Pflanzen die Bausubstanz schädigen?
Man muss natürlich aufpassen und so eine Pflanzenfassade technisch gut planen. Auch bei der Pflanzenauswahl muss man achtgeben, welche Pflanzen geeignet sind. Efeu ist zum Beispiel sehr beliebt, aber nicht ganz ungefährlich.  Efeu wurzelt direkt in der Fassade, was zu kleinen Rissen führen kann, die sich im Winter eventuell mit Wasser füllen, zu Eis werden und so die Fassade nachhaltig beschädigen können. Auch Knöterich ist sehr beliebt. Hier handelt es sich allerdings um eine sehr starke Pflanzenart, die schnell Fallrohre und Regenrinnen einnimmt und diese irgendwann nicht mehr "loslässt".

Welche Pflanzen eignen sich denn besonders für die Grünen Fassaden?
Bei den Pflanzenarten kommt es natürlich darauf an, ob es eine rankende Begrünung sein soll, oder ob die Pflanzen als Büsche oder Gehölze selbst stehen können bzw. sollen. Es gibt auch Konstruktionen, bei denen viele kleine Pflanzgefäße an der Fassade befestigt werden, in denen dann z.B. Gräser oder Stauden wachsen können. Rankende Pflanzen sollten das Gebäude nicht schädigen, daher sind Efeu mit seinen Wurzeln oder Knöterich mit seiner unbändigen Kraft kritisch, harmlosere Rankpflanzen wie Clematis, Rosen oder Geißblatt sind besser geeignet. Insgesamt sind Pflanzen gut geeignet, die eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit, Sonne und Wind besitzen.

Blauregen an Hauswand
Kletterpflanzen sind ideale Partner bei der Fassadenbegrünung. Suchen Sie sich die passenden für Ihren Balkon, fürs Haus oder für den Garten aus.

Welche Gebäude, Stadtteile oder Umgebungen sind für die Begrünung von Hausfassaden besonders geeignet?  
Besonders geeignet sind Umgebungen in denen es sonst wenig grün gibt und bei denen eine Aufheizung wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Bereiche, die sich nicht so gut dafür eignen. Sehr hohe Gebäude finde ich eher ungeeignet, auch wenn es dafür einige Beispiele gibt – in Mailand zum Beispiel, wobei die meiner Ansicht nach eher Symbolcharakter haben. In der 24. Etage tut die Pflanzenwand irgendwann einfach nichts mehr für das Klima auf den Straßen der Stadt und eine bessere Luft. Außerdem ist es natürlich nicht so einfach, in solch einer Höhe die Begrünung richtig zu pflegen.

Worin liegen die Unterschiede zwischen einer "Grünen Fassade" und einer "Gründachoffensive"?
Der größte Unterschied ist vermutlich, dass ein Gründach auch als Pufferspeicher für das Regenwasser dienen kann. Das Regenwasser darf heute schließlich nicht unmittelbar in die Kanalisation eingeleitet werden, da durch die Klimakatastrophe häufig zu viel Wasser in zu kurzer Zeit "verarbeitet" werden müsste, weshalb das Ganze verzögert wird. Bei einem Gründach wird das Wasser erstmal von den Pflanzen wie von einem Schwamm aufgesogen und zwischengespeichert, bevor es weitergeleitet wird. Diesen Effekt kann man mit einer Fassadenbegrünung leider nicht erreichen. Außerdem gibt es beim Gründach natürlich viel mehr Möglichkeiten bei der Gestaltung, man kann ganze Dachparks gestalten und den Menschen eine grüne Oase inmitten der Stadt bieten.

Grüne Fassade

In vollen Städten mit wenig Grünfläche können grüne Fassaden den natürlichen Ausgleich liefern.

Wie nehmen Sie die Rolle der Politik bei diesem Thema wahr?
Es gibt vielleicht vereinzelte Gemeinden, bei denen die Grünen Fassaden gefördert werden, aber mir sind leider keine bekannt. Wenn ein neues Baugebiet erschlossen wird, dann gibt es mittlerweile viele Richtlinien, dass die Fassadenbegrünung zumindest als Möglichkeit wahrgenommen wird, aber das Ganze ist dann eher konzeptionell ausgerichtet. Beim Gründach hingegen gibt es mittlerweile eine finanzielle Förderung. Die Politik begrüßt die Grünen Fassaden auf jeden Fall in ihrer Idee, eine materielle Unterstützung gibt es aber leider noch nicht.

Wie stehen Ihre Kollegen und die Bauherren zu diesem Thema?
Bei den Kollegen ist es unterschiedlich. Es gibt viele Stimmen, die das Thema für Augenwischerei oder reine Dekoration halten. Andere sind große Befürworter und nehmen sich selbst und ihre Architektur sogar zurück, um den Klimaaspekt in den Vordergrund zu stellen. Bei den Bauherren ist es ähnlich. Man versucht bei Immobilien ja auch häufig etwas Besonders zu gestalten, um eben eine Wiedererkennung zu schaffen. Insofern werden die Grünen Fassaden auch häufig von Bauherren angefragt.

In welchem Rahmen spielen sich die Kosten für so eine Fassadenbegrünung ab?
Das ist schwer zu sagen, da gibt es ein breites Spektrum. Eigentlich brauch man nur die richtigen Pflanzen, eine Möglichkeit zum Wurzeln, viel Wasser und Zeit zur Pflege. Dann kann man auch schon mit 2.000 Euro viel erreichen. Bei einem aufwendigen Dachgarten ist man hingegen auch mal schnell bei 100.000 Euro. Das ist aber auch das Schöne an dem Thema, die Begrünung kann individuell an die eigenen Möglichkeiten und Bedürfnisse angepasst werden und die Bewohner können sich bei der Bepflanzung selbst verwirklichen.

Kann man die Grünen Fassaden auch nachträglich, wenn ein Gebäude bereits bewohnt wird, realisieren? Was gilt es dabei zu beachten?
Nachträglich können sicher nur geringere Begrünungen umgesetzt werden, aber im Bereich von Balkonen und Terrassen ist eine auch nachträgliche Bepflanzung möglich. Erforderlich sind dann ausreichende Pflanzgefäße um Wurzelraum zu schaffen. Außerdem muss unbedingt das Gewicht beachten werden und es ist die Frage zu klären, ob eine automatische Bewässerung nachinstalliert werden kann.

Können grüne Fassaden wirklich einen Beitrag gegen den Klimawandel schaffen?
Ich glaube zu sagen, sie schaffen einen Beitrag gegen die Klimakatastrophe wäre zu hoch gehängt. Die Möglichkeiten sind hier natürlich auch begrenzt und können nur im Mikrobereich wirken. Je mehr Pflanzen jedoch in die Architektur und Städteplanung von heute integriert werden, desto mehr bringt das Ganze auch. Um einen größeren Effekt zu erzielen, bräuchte man sehr viel mehr Gebäude mit Grünen Fassaden oder eine sehr viel größere Fläche für die Pflanzen. Ich glaube nicht, dass uns die Grünen Fassaden das Klima retten werden, aber sie können die Aufheizung in den Städten reduzieren.

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Dachgarten

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