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Können wir uns glücklich wohnen?

Wohnpsychologe Uwe Linke im Interview über die Wohnung als Spiegel der Seele, Farben als Wohlfühlgarant, den Boom der Interior-Branche und die häufigsten Fehler beim Einrichten.
Wohnung

Herr Linke, wie darf man sich die Arbeit eines Wohnpsychologen vorstellen?

Uwe Linke: Meist habe ich ähnliche Gestaltungsaufträge wie Innenarchitekten, jedoch geht es bei mir nicht nur um die Umsetzung des Bedarfs, sondern auch die Analyse und Übersetzung der emotionalen Bedürfnisse in Farbe, Material und Raumkonzept. Hotels, Shops oder Unternehmer suchen die Mischung aus Markenkonzept und Mitarbeiterbedürfnis. Privatkunden suchen Lösungen, wenn es um authentische Lebensraumgestaltung geht.

Reicht Ihnen ein Blick in fremde Wohnungen, um Aussagen über die Bewohner treffen zu können?

So wie jeder nach einem Satz der besten Freundin weiß, wie es ihr geht, kann man lernen, Umgebungen zu lesen und sich ein Bild über Prioritäten, emotionale Bedürfnisse und Lebenskonzepte zu machen. Einfach mal hunderte Räume ansehen und die Überschneidungen von Person, Absicht und Verhalten in Bezug setzen. Zunächst macht man sich ein Bild der Person und kann dann prüfen, ob die Einrichtung der Person entspricht. In der Umgebung selbst spielen Prioritäten eine große Rolle, außerdem die Dichte der Gegenstände sowie Farben und Materialzusammenstellung. Ich stelle mir die Frage, wie die Bewohner sich dort aufhalten, wie sie Bereiche trennen oder verbinden, ob es Rückzugsbereiche gibt und wie man eine Schlafumgebung gestaltet.

Person

Wohnpsychologe Uwe Linke im Interview.

Ist die Wohnung ähnlich wie die Kleidung der Menschen eine Art Spiegel der Seele?

Ja, in der Wohnung sehen wir sogar noch mehr als in der Kleidung, weil wir Wohnen langfristig anlegen und uns nicht "verkleiden". Häufig spielt zwar auch die Sehnsucht und damit der Wunsch jemand sein zu wollen beim Wohnen eine große Rolle, jedoch gehört diese Kompensation auch zur Persönlichkeit. Natürlich könnte man kein komplettes Charakterprofil aus der Wohnung erstellen, aber die Grundthemen und einige interessante Widersprüche sind erkennbar. Am spannendsten finde ich das, was fehlt.

Wie meinen Sie das - was fehlt?

Das Fehlen von bestimmten Gegenständen zeigt häufig eine Art "Fehlbereich" an, also etwas, woran man bei der Einrichtung oder der Konzeption des Zuhauses nicht gedacht hat - was einem nicht nötig erscheint. Ich begegnete Menschen, deren Einrichtung nur zwei Sitzgelegenheiten bot, obwohl sie angaben, dass sie gerne Freunde einladen. Oder ein anderes Beispiel: Ein fehlender Rückzugsbereich kann zwar durch Platzmangel bedingt sein oder eben fehlende Abgrenzungsfähigkeit aufzeigen. Farben stehen für bestimmte emotionale Themen. Grün steht beispielsweise für die Natur, die uns beruhigt -  eine Erfahrung, die so alt ist, wie die Menschheit selbst, aber heute wieder sehr aktuell erscheint.

Welche Eigenschaften unserer Persönlichkeit drücken wir durch die Einrichtung denn aus?

Die Einrichtung zeigt zwar einige Eigenschaften, doch losgelöst wären diese nicht aussagekräftig. Spannend sind die Zusammenhänge und Konzepte. Man könnte zum Beispiel betrachten, wie jemand mit Entspannung umgeht. Ob Bereiche wie das Schlaf- oder Wohnzimmer auch tatsächlich eine Einladung sind, sich zu entspannen oder eher ein Notbehelf. Schlafzimmer sind oft mit allerlei Gegenständen wie in einem Abstellraum überfrachtet. Auch die Frage, ob etwas dekoriert ist oder wirklich gelebt, spielt eine Rolle.

Spiegel "Wall Mirror" von Moebe

Das Zuhause als Spiegel unserer Seele?

Was sagt die Farbgebung in der Wohnung über den Bewohner aus?

Zunächst fällt auf, dass viele kaum Farben einsetzen und nur wenige bewusst. Männer kommen oft mit Nicht-Farben aus und können sich höchstens auf Braun, Grau, Dunkelblau und Grün einlassen. Bei Farben geht es darum, wie bereit wir sind, unsere Gefühle zu offenbaren und welche Gefühle wir nicht zulassen wollen. Auch hier sind die fehlenden Farben fast noch aussagekräftiger als die vorhandenen.

Aktuell scheint die Interior-Branche zu boomen, eine tolle Wohnung und teures Design eine immer wichtigere Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Wieso ist das "schöne und exklusive" Wohnen auf einmal so wichtig?

Meine Beobachtung seit Jahrzehnten ist, dass, je unsicherer uns die Umwelt erscheint, desto sicherer und vordringlicher die Schönheit wird. Exklusivität und Individualität kommt gesellschaftlich dann zum Vorschein, wenn das Angebot immer identischer wird und jeder sich scheinbar alles leisten kann. Ikea richtet mehr Wohnungen auf dem Planeten ein als jede andere Marke. Heute kann man alles in hochwertig oder billig erwerben und oft ist der Unterschied kaum zu sehen.

Können wir uns glücklich wohnen?

Je unsicherer die Welt - desto schöner wollen wir es uns in den eigenen vier Wänden machen.

Was sagen Sie zu Trends wie Interior-Detox?

Für mich eine der wichtigsten Maßnahmen, um sich frei zu machen und den Persönlichkeitskern zu entwickeln. Entscheidend ist aber eben nicht nur neu zu ordnen oder zu strukturieren, sondern sich wirklich von Dingen zu verabschieden, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen. Detox ist Loslassen. 

Was sind die häufigsten Fehler, die die Menschen beim Einrichten begehen?

Zum einen klammern wir uns viel zu schnell an Produkte, die uns gefallen, ohne das Konzept in Frage zu stellen. Eine neue Couch findet sich leicht, doch wie entspannen wir uns richtig? Oft sehe ich, dass Räume konzeptlos sind oder über Jahre ohne Veränderung bleiben, obwohl man sich selbst verändert hat oder die Lebensumstände sich gewandelt haben. "Wenn Räume leer werden" war mein beliebtester Workshop, der gezeigt hat, dass viele sich schwer tun, ihr Leben auf neue Umstände einzustellen.

Kann man sich tatsächlich "glücklich wohnen"?

Einen eigenen Begriff von Schönheit zu entwickeln und sich diesen im Lebensraum anzueignen, macht glücklich, weil erst wir erst dann vom Konsum in das echte Erleben des Eigenen kommen. Ein Hotelzimmer kann auch schön sein, doch macht es uns nur für Stunden glücklich. Wenn wir für unsere Bedürfnisse "richtig" wohnen, können wir viel Kraft und Erholung für unser Leben sammeln.

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Beispiel-Analyse: Wer wohnt hier?

Wohnzimmer mit Daybed

Uwe Linke: Die Bewohner dieses Wohnraumes versuchen durch das dunkle Grau eine Ruhezone zu schaffen, um die vielen Sammlerstücke gekonnt zu inszenieren. Scheinbar zufällig, doch wahrscheinlich bewusst bis ins Detail liebevoll abgestimmt, soll das Ambiente wie ein spannendes Museum wirken. Offenbar lieben sie Schlichtheit, Designs der 60er Jahre und starke Kontraste. Rund neben Eckig, männliche neben weiblich anmutenden Designs, Alt neben Neu, kräftige Farben neben gedeckten - die Gegensätze offenbaren unterschiedliche Charaktere- und Denkansätze, die durch das gemeinsame Ruhebedürfnis wieder vereint werden. Gemeinsam ist auch die Liebe zu den guten alten Werten, die Stadtvilla mit echten Stuckdecken, Bleiverglasung und die alten Dielenboden zeigen viel Geschichte und geben den Bewohnern den Rückhalt, den sie brauchen.