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Helmut Köttner vom Sentinel Haus Institut: Der Siegelbewahrer

Renovieren und Streichen einer sanierungsbedürftigen Wohnung
Beim Bauen und Sanieren, aber auch beim schlichten (Be)-Wohnen von Häusern lauern Schadstoffe. Helmut Köttner entscheidet mit dem Sentinel Haus Institut darüber, welche Farbe, welcher Kleber oder welches Pflegemittel aus wohngesundheitlicher Perspektive unbedenklich sind.
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Helmut Köttner ist Technischer Leiter am Sentinel Haus Institut und entscheidet darüber, welche Baumaterialien und Endprodukte unter Aspekten der Wohngesundheit empfehlenswert sind – vom Kaminofen bis zur Fugenmasse. Warum eine solche Einordnung dringend notwendig ist, erklärt er hier.

Herr Köttner, unterliegen nicht sämtliche in Deutschland erhältlichen Produkte sowieso Normen, die unsere Gesundheit ausreichend schützen?

Helmut Köttner: Leider nein! Um den freien innereuropäischen Warenverkehr nicht zu behindern,

Helmut Köttner, Technischer Leiter Bau- und Umwelttechnik sowie Nachhaltigkeit am Sentinel Haus Institut
Helmut Köttner ist Diplom- Geoökologe und Technischer Leiter für den Bereich Bau- und Umwelttechnik sowie Nachhaltigkeit am Sentinel Haus Institut. www.sentinel-haus.de
© Sentinel Haus Institut

sind unsere zuletzt geltenden deutschen Richtlinien durch EU-Normen ersetzt worden. Diese Normen sind aber nur der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die 27 Mitgliedsstaaten einigen konnten. Richtig gefährliche Stoffe, wie sie beispielsweise früher in Holzschutzmitteln enthalten waren, sind verboten und werden unserer Erfahrung nach auch in ganz Europa nicht mehr verwendet. Das heißt aber nicht, dass die zulässigen Inhaltsstoffe nicht ausreichen würden, um schleche Luft in Innenräumen zu verursachen. Sie sind nicht ganz so giftig, aber in der Menge ausreichend, um Krankheitssymptome hervorzurufen.

Wie gelangen die Stoffe, die uns krank machen können, überhaupt ins Haus?

Helmut Köttner: Vor allem in Form von Bauchemie, Lösemitteln, Konservierungsmitteln und so weiter, mit denen Bauprodukte und Einrichtungsgegenstände belastet sind. Beim Streichen, Verlegen, Ausspritzen dünsten sie aus. Man kauft sich etwa ein Parkettöl, das als natürliche Alternative beworben wird, aber tatsächlich zur Hälfte aus Mineralöl- Lösemitteln besteht. Wer solch ein Öl verstreicht und nach ein paar Tagen einzieht, steht im Lösemitteldampf. Das kann dann Monate dauern, bis die Belastungen so weit abgeklungen sind, dass man sie nicht mehr riecht.

Worin liegen denn die Vorteile solcher schädlichen Stoffe, warum werden sie überhaupt eingesetzt, sind sie billiger?

Helmut Köttner: Zumeist sind technische Vorteile der Grund. Bei Parkettölen kann es sein, dass sie schneller aushärten. Oder dass Bauschäume mit problematischen Inhaltsstoffen einfach fester werden als ohne. Und nicht jeder Hersteller schafft es, schadstoffarme Produkte zu entwickeln. Paradebeispiel sind Wandfarben. Erst nachdem die Produzenten sehr nachdrücklich von den Behörden angestubst wurden, ist es ihnen gelungen, allergieauslösende Konservierungsmittel zumindest aus einem Teil der Farben "rauszurezeptieren".

Die geltenden EU-Normen sind nur der kleine gemeinsame Nenner.


Hat die Qualität der Farben darunter gelitten?

Helmut Köttner: Nein, hat sie nicht. Die sind einwandfrei, manche davon sind etwas teurer, aber es gibt mittlerweile auch im Baumarkt konservierungsmittelfreie Farben für kleines Geld.

Wie viel Sicherheit können Prüfverfahren geben?

Helmut Köttner: Herausfordernd ist es eher für den Verbraucher, festzustellen, ob wirklich seriös geprüft wurde oder sich ein Hersteller selbst sein Label gebastelt hat. Zudem sind die meisten Siegel im Markt nicht ausreichend transparent für einen sicheren Gesundheitsschutz. Deswegen empfehlen wir, sich auf dem Portal des Sentinel Hauses darüber zu in- formieren, welche Label vertrauenswürdig sind. Es gibt vom Deutschen Institut für Bautechnik und dort vom Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten (AgBB) ein Schema, wie die Prüfungen durchzuführen sind. Das ist in Normen geregelt, und die Prüflabore müssen akkreditiert sein. Insofern können die Untersuchungen eine große Sicherheit geben.

Tipp

Die Datenbank des Sentinel Haus Instituts bietet einen guten Überblick über zertifizierte Baustoffe und Produkte: www.sentinel-haus.de

Wer legt fest,was geprüft wird?

Helmut Köttner: Das genannte Deutsche Institut für Bautechnik. Dort hat man, zusammen mit Toxikologen vom Umweltbundesamt, festgelegt, dass neben Stoffen, die krebserregend, erbgutverändernd und reproduktionstoxisch sind, vor allem flüchtige organische Verbindungen zu testen sind, grob sind das 400 bekannte Substanzen.

Sie analysieren dann die Werte, die die Prüflabore herausgefunden haben, und bewerten sie?

Helmut Köttner: Genau, auf dieser Basis entscheiden wir, ob wir das Produkt für empfehlenswert halten. Und wachen darüber, dass die Kriterien auch langfristig eingehalten werden.

Kann man bei den Prüfungen schummeln?

Helmut Köttner: Leider wird es ab und zu versucht. Sagen wir so: Wir achten sehr genau darauf, wie alt die Prüfmuster sind, die ins Labor gehen. Denn wenn die Muster beim Hersteller zuvor ein halbes Jahr im Kämmerlein gelagert wurden, spiegelt das Ergebnis natürlich nicht wider, was der Kunde sich ins Haus holt, der fabrikfrische Ware kauft.

Wie viele Produkte haben Sie schon abgelehnt?

Helmut Köttner: Ich schätze, bei 10 bis 20 Prozent der getesteten Produkte sind die Werte nicht so, dass wir sie empfehlen können.

Wird dann nachgebessert?

Helmut Köttner: Manchmal sagt der Hersteller tatsächlich: Das war uns nicht bewusst, wir stellen die Rezeptur um. Auf diese Weise zu einer positiven Veränderung beigetragen zu haben freut uns natürlich sehr.

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