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Meike Winnemuth im Interview zu ihrem Buch 'Bin im Garten'

Meike Winnemuth hat ein Jahr im Garten verbracht, gebuddelt, gepflanzt und geerntet. Zwischendurch ist sie ins Haus gegangen, um aufzuschreiben, wie es ihr ergangen ist. Daraus ist ein sehr persönliches Tagebuch geworden, über das Wachsen, Wurzeln und gutes Werkzeug. Ein Interview von Anne Zuber.
Meike Winnemuth

Meike Winnemuth, 1960 in Neumünster geboren, ist freie Journalistin und Autorin. Nachdem sie bei Günther Jauch eine halbe Million Euro gewonnen hatte, nahm sie sich eine Auszeit, reiste um die Welt, schrieb ein Buch darüber und landete einen Bestseller: „Das große Los“. Die „Stern“-Kolumnistin ist unangefochtene Expertin im Expertinwerden: Was sie anpackt, macht sie richtig.

Am Anfang war das kleine Haus am Meer, das sie relativ spontan gekauft hat – und das auf einem 800 Quadratmeter großen Grundstück steht. Damit wurde Meike Winnemuth plötzlich zur Gartenbesitzerin – zum ersten Mal in ihrem Leben. Ein willkommener Anlass, sich im wahrsten Sinne des Wortes tief in das neue Thema hineinzugraben. Sie verordnet sich ein Gartenjahr, in dessen Verlauf sie nicht nur Kartoffeln erntet, sondern auch ein neues Buch schreibt. An einem der allerletzten dunklen Wintertage jenes Jahres besuchen wir sie in ihrer Stadtwohnung („draußen ist jetzt eh nur Matsch“). Sie hat gerade das letzte Kapitel der Druck­fahnen durchgesehen und empfängt sehr aufgeräumt mit Earl-Grey-Tee und einer Dose Quality-Street-Konfekt. Wer gärtnert, wird offensichtlich automatisch ein bisschen britisch.

Sie lieben dieses Sichhineinschmeißen in etwas Neues, oder?

Meike Winnemuth: Das tue ich allerdings! Wenn ich die Gelegenheit habe, irgendwo bei null anzufangen, ahnungslos in etwas hineinzustolpern und jeden Tag ein bisschen schlauer zu werden oder es mir zumindest einzureden, finde ich das fantastisch.

Buch 'Bin im Garten' von Meike Winnemuth

»Bin im Garten. Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“. Hardcover mit 320 Seiten, vielen Fotos und Illustrationen für 22 Euro bei Penguin ­(randomhouse.de)

Ist der Garten eine gute Schule?

Ich finde, nirgends kann man so viel lernen wie im Garten. Gärtnern ist wie eine Fremdsprache, und zwar eine, die es einem so leicht macht wie Englisch. Mit wenigen Vokabeln kommt man schon weit, kann sehr schnell „how are you“ sagen und 90 Prozent der Konversation bestreiten. Das gärtnerische Äquivalent ist: Loch graben, Pflanze rein, wässern. Aber je länger man sich damit beschäftigt, umso komplizierter und natürlich auch umso freudvoller wird es. Und wenn man sich richtig reinschafft, kann man am Ende vielleicht sogar Shakespeare werden.

Dafür braucht es aber viel Geduld, oder?

Allerdings, man kann ja nicht von jetzt auf gleich einen Park anlegen. Selbst ein Staudenbeet braucht drei Jahre, bis es eingewachsen ist. Du legst es an, dann betrachtest du diese kleinen Stöpselchen und denkst: Wie lahm ist das denn? Hier habe ich stundenlang gegraben, und in Wirklichkeit ist gar nichts zu sehen. Vielleicht im nächsten Frühjahr. Blöd! Zumindest für ungeduldige Menschen wie mich.

Meike Winnemuth

Von wegen beschaulich! Nach zwölf Monaten Arbeit in ihrem Garten hat die Autorin nicht nur viele Erkenntnisse, sondern auch neue Muskelgruppen gewonnen.

Aber war das nicht auch eine Lektion, die Sie lernen wollten?

Ja, ich habe mir verordnet, Geduld zu lernen. Andere Leute machen Yoga.

Das macht wahrscheinlich auch demütig.

Jeden Tag! Das Lustige ist ja, dass man immer versucht ist, einen Gotteskomplex zu entwickeln. Man schreitet durch sein Reich und denkt: Das habe alles ich gemacht! Ist natürlich Quatsch, in Wirklichkeit hat es die Natur gemacht. Schnell wird klar, dass man hier eher das Zimmermädchen ist, das abstaubt und die Sachen hübsch hinstellt. Demut stellt sich aber auch ein, wenn man so ein Pflänzchen genauer anschaut. Zum Beispiel die Große Sterndolde (Astrantia major) – für mich die schönste Blüte überhaupt. Ein wunderhübsches Dingelchen, kaum mehr als ein Zentimeter im Durchmesser. Aber wenn man da genau reinschaut, gar mit einer Lupe, denkt man, das ist der Urknall! Ein Kosmos! Man wird dann sehr schnell sehr still.

Sterndolde (Astrantia spec.) Blüte

Eine der Lieblingsblüten von Meike Winnemuth: die Große Sterndolde (Astrantia major).

Auf der anderen Seite ist Gärtnern auch Kampf. Natur würde sich ja freiwillig nicht zu Staudenbeeten und Rasen entwickeln.

Natürlich nicht, die würde uns den Vogel zeigen. Im Garten benutzt man die Mittel der Natur wie eine Palette und versucht, daraus etwas Naturähnliches zu gestalten. Selbst wenn man dabei Wildstauden und bienenfreundliche Blumen einsetzt, auf Pflanzen­gesellschaften achtet und nur Dinge zusammenstellt, die auch zusammengehören, also kein Alpenveilchen neben eine Palme setzt, ist das letztlich nur eine Pseudonatur.

Was war die überraschendste Lektion, die Sie in diesem Jahr gelernt haben?

Wirklich verblüfft hat mich – und da kam ich mir vor wie ein kleines Stadtkind, das zum ersten Mal eine Kuh sieht –, dass viele Dinge unfassbar lange brauchen. Man denkt doch, die Natur rotzt das so raus, aber eine Möhre braucht fast sechs Monate. Und auf einmal hast du eine heilige Ehrfurcht vor dem kleinen Ding. Ich gehe nie wieder in den Supermarkt und kaufe einen Beutel Möhren, ohne innerlich ein bisschen in die Knie zu sinken. Die sind nämlich lange, lange gewachsen.

Möhrenpflanze (Daucus carota subsp. sativus) Blüte
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Und was waren die Lehren mit dem nachhaltigsten Effekt?

Dass Geduld wirklich etwas bringt. Dass Gärtnern nicht so kompliziert ist, wie ich gedacht habe. Und dass aus so einem winzigen Tomatensamen – und die sind wirklich absurd mini – ein Zweimeter­monster werden kann. Natürlich nicht, ohne dich zu versklaven, besonders in heißen Sommern. Du musst ständig gießen, düngen, ausgeizen, hochbinden – ich war Leibeigene meiner Tomaten.

Tomaten-Jungpflanzen

Aussäen, pikieren, gießen, düngen, ausgeizen: Es ist ein langer Weg und viel Arbeit vom Minisamen bis zur 2-Meter-Tomatenpflanze!

Neben Tomaten haben Sie auch Erde gegessen, habe ich gelesen. Weil...?

Weil ich herausfinden wollte, was für ein Art Boden ich habe. Man gräbt ein bisschen Erde aus, rollt sie und schaut, wie dünn die werden kann – bleistiftdünn oder noch dünner. Wenn sie nicht auseinanderfällt und man einen Ring draus biegen kann, ohne dass es bröckelt, hat man einen Ton- oder Lehmboden. Jetzt nimmt man etwas in den Mund, und wenn es zwischen den Zähnen knirscht, ist es schwerer Lehmboden. Ist die Konsistenz butterartig, ist es Ton.

Sie haben aber nicht nur Lehm gegessen, sondern haben sich vorgenommen, sich zumindest teilweise selbst zu versorgen. Hat das geklappt?

Komplette Selbstversorgung ist im ersten Jahr natürlich kaum möglich, aber ich dachte, ich bekomme es hin, im August ausschließlich von eigener Ernte zu leben.

Kartoffeln frisch geerntet

Mit der Selbstversorgung aus dem Garten hat es bei Meike Winnemuth ziemlich gut geklappt: besondere Kartoffel-Sorten frisch aus der Erde.

Ganz ohne Zukäufe?

Na ja, Steaks sind keine gewachsen. Aber das Gemüse jeder Mahlzeit sollte komplett aus dem Garten sein. Es hat funktioniert, weil ich unfassbar viele Kartoffeln und unfassbar viel Salat gegessen habe, beides kam mir irgendwann aus den Ohren raus.

Kartoffeln liefen also gut?

War ein Superkartoffeljahr.

Der beste Rezept für Kartoffelsalat?

Im Sommer dieses: zu den gekochten Kartoffeln viel Zitronensaft und noch mehr Minze geben. Dazu ein gutes Öl. Mischen und gut durchziehen lassen.

Was stand außerdem auf der Speisekarte?

Ich habe zehn verschiedene Tomatensorten ausprobiert, die waren alle großartig. Das lag aber nicht an mir, glaube ich, sondern an diesem wahnsinnig warmen Sommer. Außerdem habe ich rote Zwiebeln und Schalotten angebaut, Knoblauch, Frühlingszwiebeln, Schnittknoblauch, Artischocken, Möhren, Wildspargel, Erbsen, Mangold, Brokkoli, Erdbeeren. Stangen- und Buschbohnen liefen auch Bombe.

Bohnen

"Stangen- und Buschbohnen liefen auch Bombe.", berichtet Meike Winnemuth nach einem erfolgreichen Gartenjahr.

Konnten Sie das überhaupt alles aufessen?

Sagen wir so: Ich habe jetzt sehr gute Be­ziehungen zu meinen Nachbarn, die habe ich reich beschenkt. Und ich selbst habe auch viel bekommen. Gärtnernde bilden ja eine sehr nette Gemeinschaft. Man teilt alles mitein­ander, Sämlinge, Werkzeug, Erfahr­ungen. Es ist ein bisschen, wie Peter Wohl­leben das in seinen Büchern von den Bäumen beschreibt, die untereinander über ein Geflecht von Wurzeln miteinander verbunden sind und sich gegenseitig Zuckerlösung zuschieben. Unter Gärtnern gibt es auch ein unterirdisches Pilzgeflecht der Freundlichkeit und des gegenseitigen Versorgens.

Sind Gärtner die besseren Menschen?

Nicht in dem Sinne, dass es die Menschen in ein Volk von sanftmütigen Teilzeitbuddhisten verwandeln würde, aber ich glaube, dass Gärtnern die besseren Seiten der Menschen hervorholt. Geduld, Hingabe und eine gewisse Zukunftsgerichtetheit. Man plant ja auf Monate, wenn nicht Jahre im Voraus. Das ist das Gegenteil von Instant Gratification, also von der sofortigen Befriedigung von Bedürfnissen – was ja das Maß aller Dinge in dieser modernen Zeit zu sein scheint. Insofern finde ich Gärtnern eine wunderbare Späterziehungsmaßnahme.

Wird es nicht auch ein kleines bisschen romantisiert?

Absolut. Ich habe zum Beispiel ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Gartenzeitschriften. Weil ich finde, dass darin die Arbeit, die das alles tatsächlich macht, nie abgebildet wird. Als ob man als Gärtnerin nichts anderes täte, als durch Blumenwiesen zu spazieren, in einem weißen Leinenkleid, am Arm einem Körbchen mit einem zierlichen japanischen Scherchen darin, um bei Bedarf ein paar Blüten zu schneiden. So ist es ja nicht. Es ist Dreck und Matsch und fieses Wetter.

Und auch körperlich herausfordernd?

Ich habe wirklich hart gearbeitet, wahn­sinnige Mengen von Erde bewegt: fünf Tonnen geschaufelt und gekarrt. Ich habe gehackt und Beete geschaffen, indem ich Rasen rausgeplackt habe, und ich war davon regelmäßig knallmüde. Teilweise bin ich um acht Uhr ins Bett gegangen, habe geschlafen wie ein Stein und bin morgens seitlich aus dem Bett gerollt, weil ich anders nicht hochkam. Man betätigt sich in einer Art und Weise, die nichts mit dem Erwerb der Diskomuskeln zu tun hat, die man sich im Fitnessstudio zulegt. Alles, was man an Muskeln aufbaut, wird gebraucht. Und zwar nicht, um damit anzugeben, sondern um damit übermorgen ein bisschen besser arbeiten zu können.

Wildblumen

In diesem Garten wurde viel gearbeitet und angelegt, unter anderem auch eine Wildblumenwiese mit Bienenweidepflanzen.

Wir kommen zum praktischen Teil. Auf welches Werkzeug kann man unmöglich verzichten?

Es gibt kein Leben ohne Wiedehopfhaue. Sie ist erstens dafür da, sich groß und mächtig zu fühlen, zum anderen ist sie ausgesprochen praktisch.

Dann ist mein Leben ist sinnlos: Ich weiß weder, wie sie aussieht, noch, was man damit anfängt!

Die Haue hat zwei Seiten: auf der einen ist sie eine Art Beil mit einer gerundeten Schneide, die aussieht wie der Schopf des gleichnamigen Wiedehopfs. Auf der anderen Seite ist ein längliches Blatt. Wenn man beispielsweise auf Wurzeln stößt, haut man sie erst mit der Beilseite kaputt, um sie dann mit der anderen Seite herauszuhebeln. Außerdem ist sie top beim Einpflanzen: Man braucht nicht mit einem lächerlichen Schäufelchen kleine Löcher zu buddeln, was endlos dauert, vor allem bei meinem Lehm. Stattdessen ein Hieb mit der Haue, schon hat man ein schönes Loch, zieht die Erde mit der Haue beiseite, Pflanze rein, Erde mit der Haue wieder ranschieben. Geht rasend schnell. Man pflanzt wie ein junger Gott.

Was haben Sie gegen Raupen in petto?

Eine selbst angesetzte Knoblauchbrühe, die auf den befallenen Kohl gesprüht wird.

Womit der Kohl praktischerweise auch gleich gewürzt wäre...

In der Tat, es riecht wie in der Zazikifabrik.

Kleiner Kräutergarten auf dem Balkon
Lesen Sie hier, wie Sie sich gegen Schnecken zur Wehr setzen können – und welche Pflanzen garantiert nicht von Schnecken angefressen werden.

Was empfehlen Sie gegen Schnecken? Die gute alte Bierfalle?

Auf keinen Fall, damit lockt man die Viecher ja erst an, auch die aus Nachbars Garten, und auf dem Weg raspeln sie deinen Salat kahl. Anfangs bin ich nachts mit einer Taschenlampe durch den Garten gewandert und habe mit einem rostigen Küchenmesser alles zerschnitten, was mir in den Weg kroch. Inzwischen habe ich ein paar andere Mittel ausprobiert. Es gibt zum Beispiel eine Erfindung aus der Fernsehsendung „Höhle der Löwen“, das Zeug heißt Schnexagon. Eine Mischung aus Seife und Öl, die wird außen auf Kübel oder – in meinem Fall – auf die Seiten von Hochbeeten aufgebracht. Funktioniert tatsächlich. Bei Starkregen allerdings wird es abgewaschen, danach muss es neu aufgestrichen werden.

Was tun gegen Maulwürfe?

Ich tue gar nichts, ich habe einen und finde ihn nützlich, er frisst Schädlinge und lockert die Erde auf. Im Frühling, wenn ich anfange, ihn mit meinem Benzin­rasen­mäher zu nerven, geht er von selbst in den Wald. Bis zum Oktober, wenn die Rasenmähsaison wieder vorbei ist.

So wird man den Maulwurf los
Wer Maulwürfe nicht im Garten haben möchte, dem bleibt nur eine Wahl: sie vertreiben. Dazu muss man ihre Launen kennen.

Was spart Arbeit?

Ein Supertrick von Charles Dowding, dem britischen No-Dig-Papst, der Umgraben für überflüssig und sinnlos hält. Der sagt, die schnellste Methode, ein Beet anzulegen, ist, einfach nur alte Pappe auf den Rasen zu legen, von einem Waschmaschinenkarton zum Beispiel. Darauf kommen zehn, fünfzehn Zentimeter Kompost, den kann man sich liefern lassen, wenn man selbst keinen hat. Zurücklehnen, abwarten. Wenn man das im Herbst macht, hat man im nächsten Frühjahr ein wunderbar vorbereitetes Beet, in das man sofort hineinarbeiten kann.

Das funktioniert tatsächlich?

Ich habe sogar noch Blumenzwiebeln auf den ollen Rasen geschmissen, Tulpen, Hyazinthen, Anemonen, Schachbrett­blumen. Pappe drauf, Kompost drauf, warten. Im Frühjahr hatte ich einen Blumengarten, ohne irgendwas gemacht zu haben. Die Pappe ist wichtig, die tötet den Rasen ab. Sie kompostiert voll­ständig, genauso wie der Rasen.

Meike Winnemuth mit Hund Fiete im Gewächshaus

Herumsitzen nur fürs Foto: Das ehrgeizige Ziel, sich wenigstens vorübergehend von eigener Ernte zu ernähren, erforderte größere Erdbewegungen. Hund Fiete war dabei nur eine moralische Stütze. Der Lohn waren reichlich Bohnen und Kartoffeln: „Am besten war die gute alte Linda, auch wenn die anderen Sorten spektakulärer aussahen“.

Was ist der Plan für dieses Gartenjahr?

Die Geduld, die ich mir antrainiert habe, auch auf das Essen zu übertragen. Ich habe jetzt angefangen, Sachen zuzubereiten, die sechs Wochen gären müssen. Sauerkraut zum Beispiel oder grünes Tomatenchutney oder das Allerbeste: Sloe Gin – Schlehengin. Dafür pflückt man Schlehen im Wald, gibt sie mit einer Handvoll Kandis in ein großes Weckglas, kippt eine Flasche Gin drauf und wartet vier bis sechs Wochen – köstlich. Vorräte anlegen, das habe ich früher nicht gekonnt. Aber der Garten bringt einem das Morgen bei.