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Postmoderne als Einrichtungsstil

In den 70er und 80er Jahren wandten sich Designer gegen das Dogma der "Guten Form" und entwarfen Objekte, die nicht immer funktional, dafür aber bunt, sinnlich und provokant waren.
Korkenzieher "Anna G." von Alessi

Form follows fun: Korkenzieher "Anna G." von Alessandro Mendini für Alessi erinnert von der Form an eine lächelnde Frau.

In diesem Artikel
Prägende Persönlichkeit: Designer Alessandro Mendini
Zwischen Kitsch und Kunst: Sessel "Proust"
Die Memphis-Gruppe
Design made in Germany: Das "Neue Deutsche Design"
Nachbeben im Design

Bevor die Epoche der Postmoderne startete, stellten zunächst amerikanische Architekten das Geschmacksdiktat und die Ästhetik der Moderne infrage: Ab den 60er Jahren kritisierte Robert Venturi die Seelenlosigkeit zeitgenössischer Architektur, die das Gesicht der Städte prägte. Fassaden sollten wieder Geschichten erzählen dürfen, forderte er, und setzte Mies van der Rohes "less is more" ("weniger ist mehr") ein polemisches "less is a bore" ("weniger ist langweilig") entgegen. Auch die italienische Designszene war des Funktionalismus‘ überdrüssig.

Prägende Persönlichkeit: Designer Alessandro Mendini

Alessandro Mendini, Designer und Architekt, Mitbegründer der Gruppen Global Tools und Alchimia sowie Verleger von "Casabella" und "Domus", war überzeugt: Die Suche nach der "guten Form" als Werkzeug zur Verbesserung der Welt hatte sich erledigt. Die Aufgabe der Designer sah er nicht mehr darin, funktionale Objekte zu schaffen, sondern visuelle Zeichen zu setzen; zum Beispiel durch Re-Design. Indem er Marcel Breuers "Wassily"-Sessel mit Camouflage-Elementen dekorierte, verwandelte er den Gebrauchsgegenstand in ein Objekt der Fantasie und der Kunst. Mendinis Entwürfe wollten Geschichten erzählen.

Zwischen Kitsch und Kunst: Sessel "Proust"

Ende der 70er entwickelte Alessandro Mendini für Cassina ein Stoffmuster, das eine Reflexion zu Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sein sollte. Mendini fand heraus, dass Proust Impressionismus geschätzt hatte - und bemalte daraufhin einen neobarocken Sessel mit dem vergrößerten Bildausschnitt eines pointillistischen Signac-Gemäldes – nicht nur den Bezug, sondern auch den Holzrahmen. 

Sessel "Proust" von Cappellini

Neobarock trifft Impressionismus: Mit dem "Poltrona di Proust" zitierte Mendini den Schriftsteller Marcel Proust und dessen Zeit und schuf eine Designikone zwischen Kitsch und Kunst.

Die Memphis-Gruppe

Nicht alle Alchimia-Mitstreiter teilten Mendinis Überzeugungen. Ettore Sottsass war keineswegs der Ansicht, Designer könnten keine neue Formen mehr entwickeln. Zusammen mit Andrea Branzi und Michele De Lucchi verließ er Alchimia und gründete mit einer Handvoll junger Designer 1980 die Memphis-Gruppe. Ein paar Monate später reüssierte das Kollektiv mit einer Ausstellung in Mailand, die enorme Aufmerksamkeit erregte.

2.500 Besucher kamen zur Eröffnung, Medien aus aller Welt berichteten über die 40 vorlauten Exponate, die den Funktionalismus von seinem Thron kippen, Design als Metapher feiern und die Oberfläche zum Bedeutungsträger erklären wollten: bunte Leuchten, die an kleine Vögel oder Igel erinnerten, Konsolen, die Renaissance und Art déco zitierten, farbige Oberflächen, die hemmungslos edle Hölzer und billiges Laminat kombinierten.

Regal "Gespanntes Regal" von Nils Holger Moormann

Wolfgang Laubersheimers "Gespanntes Regal" (1984) wird heute von Nils Holger Moormann hergestellt. Das Stahlseil dient nicht nur als Dekoration sondern sorgt vor allem für Stabilität.

Design made in Germany: Das "Neue Deutsche Design"

Die Wellen, die Memphis-Design schlug, kamen auch in Deutschland an. Selbst in der Heimat von Bauhaus und Ulmer Schule begannen Gestalter nun, Möbel jenseits der "guten Form" zu denken. In Düsseldorf und Berlin bildeten sich Gruppen wie Kunstflug und Bellefast, Designer wie Volker Albus und Stiletto brachten ironische Entwürfe hervor, die eher in Galerien zu Hause waren als in Möbelhäusern. Die Ablehnung des Funktionalismus teilten sie mit Memphis, doch die Objekte des "Neuen Deutschen Designs" waren rauer und experimenteller. Entwürfe wie Volker Albus’ Lichtstele "A59" aus Leitpfosten oder Heinz Landes’ Freischwinger aus Armierungseisen zeigen: Nördlich der Alpen waren Gestalter eher von Autobahnen und Nachkriegsarchitektur geprägt als von Art déco und italienischer Avantgarde

Nachbeben im Design

Ende der 80er Jahre war das bunte Treiben schon wieder vorbei. Die Memphis-Gruppe löste sich 1988 auf, und viele Objekte des "Neuen Deutschen Designs" verschwanden in den Archiven von Museen und Sammlern. Einige Ikonen des Jahrzehnts werden weiterhin hergestellt: Memphis Milano produziert die postmodernen Möbel und Vasen von Sottsass & Co., Cappellini fertigt Mendinis "Poltrona di Proust" in verschiedenen Varianten, und auch Gruppo Strums "Pratone" wird in kleiner Edition weitergeführt. 

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