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Designer-Porträt Eero Saarinen (1909 - 1960)

Der Unbeschwerte
Eero Saarinen

Als hätten Naturgewalten diesen Raum geschaffen: Stützpfeiler wachsen wie Skulpturen aus dem Boden, gehen fließend in elegant geschwungene Schalterflächen und breit angelegte Treppenaufgänge über. Wer die Gelegenheit hat, den von Eero Saarinen gestalteten TWA-Terminal am John F. Kennedy Airport in New York zu besuchen, hat gleich ein Bild vor Augen: Piloten in dunkelblauer Uniform durchschreiten die Abfertigungshalle, gefolgt von einer Formation Stewardessen in Stiftröcken und Pillbox-Hütchen, perfekt geschminkt über den blanken Boden stöckelnd...

Als das Trans World Flight Center 1962 eröffnete, war die Welt in der Hochphase des Jet-Zeitalters. Der John F. Kennedy Airport hieß noch Idlewood, an Bord trug man Seidenstrümpfe statt Jogginghosen, und es wurde Rehrücken serviert statt plastikverpackter Sandwiches – kurzum: Fliegen hatte noch Glamour. Mit dem Flugzeug zu reisen war so dynamisch und zukunftsverliebt wie das Nachkriegsamerika selbst – das Land, das von Technologie bis Politik, von Kultur bis Militär die Führungsrolle in der Welt innehatte. Eero Saarinen, Einwandererkind und Sohn des finnischen Architekten Eliel Saarinen, setzte diesen optimistischen Jahrzehnten ein Denkmal aus Beton.

TWA-Terminal - das spektakulärste Bauwerk seiner Epoche

Manche sahen in den gewölbten Dächern des Terminals einen Vogel, der mit ausgebreiteten Schwingen zum Flug ansetzt, andere eine Flugmaschine von Leonardo da Vinci. "Ich hatte mir vorgenommen, ein Gebäude zu entwerfen, dessen Architektur die Spannung und die Aufgeregtheit des Reisens ausdrückt", sagte Eero Saarinen selbst. Die Mission ist ihm gelungen: Neben dem Opernhaus von Sydney und den Oscar-Niemeyer-Bauten in Brasilia gilt der TWA-Terminal als das spektakulärste Bauwerk seiner Epoche. Die organischen Formen, die sich von den Gepäckbändern bis zu den Tunnelverbindungen zu den Gates durchzogen, hatten aber nicht nur ästhetische Wurzeln. Zur Vorbereitung auf die Flughafenbauten von New York und Washington hatte Saarinen beobachten lassen, wie sich Menschen auf Flughäfen bewegen, und festgestellt, dass Fußgänger rechte Winkel und gerade Linien intuitiv vermeiden und ihre Bewegungen Kurvenlinien beschreiben.

Eero Saarinen brachte die organische Form in die Architektur zu einer Zeit, als der funktionalistische Internationale Stil von Mies van der Rohe und Le Corbusier dominierte – und er entwarf ebenso organische Möbel für die Wohnzimmer der modernen Welt, in denen man freier und lässiger lebte als in der strengen Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. So berühmt wie seine Flughafenbauten in New York und Virginia sind seine Möbelentwürfe für die Firma Knoll International.

Das Talent, zu einem der bedeutendsten Architekten und Designer der Nachkriegsmoderne zu werden, war Eero Saarinen in die Wiege gelegt. Sein Vater Eliel (1873–1950) war bereits in Finnland ein prominenter Architekt, seine Mutter Loja eine bekannte Bildhauerin und Textildesignerin. Eero wuchs im Atelier des Vaters auf – mit Zeichenblock und Bleistift. Lob vom Vater gab es selten, nur wenn der Sohn etwas besonders gut gemacht hatte, wurde das bemerkt. Dabei war Eeros Zeichentalent außergewöhnlich: Er konnte mit beiden Händen gleichzeitig arbeiten und nutzte diese Fähigkeit als Erwachsener zum Beispiel, um mit der rechten Hand etwas zu skizzieren, während die Linke den Hintergrund schraffierte.

Trotz seines Erfolges in der europäischen Heimat entschied sich Eliel Saarinen 1922, in die USA auszuwandern, nachdem er den internationalen Architekturwettbewerb um den Chicago Tribune Tower gewonnen hatte. Eero war zwölf, seine Schwester Pipsan 18, als die Familie nach Chicago zog.

Saarinen und Eames - eine perfekte Designer-Freundschaft

1925 bekam Eliel den Auftrag, eine Kunstgewerbeschule und Künstlerkolonie in einem Vorort von Detroit zu bauen – und wurde später der Präsident der Akademie. Die Cranbrook Educational Community, ein Ensemble von Backsteingebäuden in einem Park, wurde zum Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft seines Sohnes. Nachdem Eero in Paris und Yale zunächst Bildhauerei und später Architektur studiert hatte, kehrte er nach Cranbrook zurück, wo er einen Lehrauftrag innehatte und im Büro seines Vaters arbeitete. Dort lernte er seine erste Frau, die Bildhauerin Lily Wolf kennen. Dort traf er Harry Bertoia und Charles Eames, mit dem er gemeinsam am MoMA-Wettbewerb "Organic Design in Home Furnishing" und am "Case Study House"-Wettbewerb der Zeitschrift "Arts & Architecture" teilnahm.

Eero Saarinen und Charles Eames verband eine perfekte Designer-Freundschaft. Beide waren ehrgeizig, kreativ, erfinderisch – und ergänzten sich in ihrer Experimentierfreude. Als die MoMA-Ausstellung "Organic Design in Home Furnishing" 1941 mit den Entwürfen von Eames und Saarinen eröffnete, sah die Öffentlichkeit erstmals modulare, flexible Stauraumsysteme und Stühle mit organisch geformten Sitzschalen, die sich dem menschlichen Körper anpassten. Die beiden jungen Designer hatten sich dabei von den Schichtholzmöbeln des Finnen Alvar Aalto inspirieren lassen und nutzten innovative Technologien aus der Rüstungsindustrie, um diese neuartigen Schalensitze zu bauen. Formal waren die Entwürfe zwar wegweisend, in Kriegszeiten aber mangelte es an Materialien und Herstellungsmöglichkeiten, und so war man zunächst nicht in der Lage, die Sitzmöbel in Serie zu produzieren. Spätere Entwürfe beider Designer – der berühmte "Plastic Arm Chair" von Ray und Charles Eames und der "Tulip Chair" von Saarinen – gehen aber auf diese Sitzschalenform zurück. Vitra entdeckte die "Organic Chair Collection" erst 2006 wieder und produziert sie seitdem.

"Der 'Womb Chair' soll psychologischen Komfort bieten“

Am Kingswood College in Cranbrook tauchte 1932 auch ein junges Mädchen namens Florence Shust auf, die bei Eliel Saarinen Architektur studieren wollte. Die Saarinens mochten das Mädchen, und da sie Vollwaise war, "adoptierten" sie Florence. Sie begleitete die Familie in den Sommerferien nach Finnland, und Eero, der für Florence wie ein großer Bruder war, zeichnete und erklärte ihr die wichtigen Bauten der Architekturgeschichte. Später traf die junge Architektin Hans Knoll, einen Einwanderer aus Deutschland. Sie heirateten und bauten gemeinsam die Möbelfirma Knoll Associates (heute Knoll International) auf – mit Eero Saarinen als einem ihrer wichtigsten Designer. "Eero hatte in seiner Arbeit mehr Fantasie und Ehrlichkeit als alle anderen Designer seiner Zeit", schrieb Florence Knoll im Vorwort einer Saarinen-Monografie. "Er kümmerte sich bis ins kleinste Detail um jede Form." Auf ihren Wunsch nach "einem bequemen Sessel, der breit genug ist, um sich darin einzukuscheln" entwickelte Eero 1946 den "Womb Chair" – eine gepolsterte Fiberglasschale auf Stahlrohrfüßen, breit genug, dass man darin die Beine anziehen und sich wohlfühlen kann wie im Mutterschoß.

"Der 'Womb Chair' soll psychologischen Komfort bieten", erklärte Eero Saarinen. "Ich wollte einen Ersatz schaffen für die alten, überdimensionierten Sessel. Diese Großkampfschiffe passen nicht mehr in moderne Interieurs, aber das Bedürfnis nach gemütlichem Sitzen ist immer noch da. Heute brauchen wir mehr als je zuvor Orte zum Relaxen." Der "Womb Chair" kam 1948 auf den Markt, war sofort ein Verkaufshit – und ist zu einer Ikone des modernen Sitzens geworden, denn er machte das Lümmeln salonfähig. Man kann sich darauf nach Belieben hinfläzen und sieht dabei immer gut aus, seit der "Mad Men"-Ära bis heute.

Dass ein Sitzmöbel nicht nur funktional sein, sondern auch den darauf sitzenden Menschen und den umgebenden Raum gut kleiden sollte, war einer von Saarinens Grundsätzen, der ihn von den Modernisten der Bauhaus-Ära unterscheidet. "Vielleicht eine der wichtigsten Lektionen, die ich von meinem Vater gelernt habe: Bei jeder Designaufgabe liegt die Lösung im nächstgrößeren Rahmen. Wenn man einen Aschenbecher entwirft, sollte der Tisch, auf dem er steht, das Design bestimmen. Wenn man einen Stuhl entwirft, ist die Beziehung zum Raum entscheidend für die Form."

Ob Architektur oder Design, die Verschmelzung der konstruktiven Elemente zu einer ganzheitlichen Form war Saarinens Ideal. Was ihn an Stühlen und Tischen immer schon gestört hatte, waren die vielen Füße. "Das Gewirr an Beinen in einem typischen Interieur ist eine hässliche, unruhige Welt", erklärte er, "ich wollte Schluss machen mit diesem Elend an Beinen."

Saarinen konstruierte Formen nicht, sondern modellierte sie wie eine Skulptur

Mit dem "Tulip Chair" gelang ihm 1956 der große Wurf: eine elegante Sitzschale aus glasfaserverstärktem Kunststoff auf einem Aluminiumfuß. Die "Pedestal Collection" mit verschiedenen Stuhlversionen, Hocker, Ess-, Couch- und Beistelltisch sollte Saarinens berühmteste Kollektion werden.
Sie zeigte, dass seine Wurzeln nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Bildhauerei lagen. Beim "Tulip Chair" wurde ebenso wie beim TWA Flight Center sichtbar, dass Saarinen Form nicht konstruierte, sondern wie eine Skulptur modellierte.

1950 starb Eliel Saarinen, und Eero übernahm das Architekturbüro des Vaters. Bis dahin waren es nur wenige Entwürfe, mit denen der Junior mehr Anerkennung erzielt hatte als sein Vater, zum Beispiel der Wettbewerbssieg für das Jefferson National Expansion Memorial in St. Louis.

Eero Saarinen wird zum gefragtesten Architekten des Landes

In den 50ern entwickelte sich Eero Saarinen zu einem der gefragtesten Architekten des Landes. 1953 heiratete Eero zum zweiten Mal. Die Kunsthistorikerin Aline hatte zuvor als Feuilletonredakteurin der "New York Times" gearbeitet und half ihrem Mann nun mit ausgefeilten PR-Kampagnen, seinen öffentlichen Auftritt zu inszenieren. 1950 bis 1955 entwarf er das Kresge-Auditorium und die Kapelle für das Massachusetts Institute of Technology, 1953 bis 1959 die wie ein Schildkrötenpanzer geschwungene Kuppel der Eishockeyhalle der Yale University. Die Fertigstellung seiner berühmtesten Bauwerke, des TWA Flight Centers und des Dulles International Airport, der Deere & Company- Zentrale und der Bell Laboratories, sollte der Architekt allerdings nicht mehr erleben. Ende August 1961 wurde Eero Saarinen mit Symptomen eines Hirntumors ins Krankenhaus in Ann Arbor eingeliefert, wo er am 1. September nach einer Operation verstarb.

Sein Architekturbüro Saarinen Associates, das zu diesem Zeitpunkt mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigte, setzte mit Unterstützung von Aline Saarinen die Bauarbeiten fort. Als das TWA Flight Center am 28. Mai 1962 eröffnet wurde, schwankten die Meinungen dazu zwischen Begeisterung und Entrüstung. Was Saarinen nicht hatte voraussehen können: Der Flugbetrieb in New York wuchs derart rasant, dass das elegante Gebäude bereits bei der Einweihung eigentlich nicht mehr groß genug war, um die Passagiermassen zu bewältigen. 1969 bauten ehemalige Saarinen-Architekten den Flight Wing One, der in der Lage war, große Maschinen wie die Boeing 747 abzufertigen. Nachdem TWA in den 90ern finanziell ins Straucheln geraten und von American Airlines aufgekauft worden war, wurde der Terminal-Betrieb 2001 komplett eingestellt. Das Gebäude steht seit 2005 unter Denkmalschutz. Die Fluggesellschaft Jet Blue Airways plant, das Saarinen-Gebäude als Eingangshalle für ihren Terminal Five umzubauen, doch zurzeit ist der Bau nicht öffentlich zugänglich.

Autorin: Dorothea Sundergeld

Alle Produkte des Designers

Tisch "Tulip Table"
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Tulip Tables, Knoll, Eero Saarinen, 1956, Laminat, Marmor, Tische
Stuhl "Tulip Chair"
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Tulip Chair, Knoll, Eero Saarinen, 1956, Aluminium, Kunststoff, Stuhl
Stuhl "Executive Conference Chair"
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Executive Conference Chair, Knoll, Eero Saarinen, 1948, Polyurethan, Sperrholz, Stuhl
Stuhl "Executive Armchair"
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Executive Armchair, Knoll, Eero Saarinen, 1948, Polyurethan, Sperrholz, Stuhl
Hocker "Tulip Stool"
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Tulip Stool, Knoll, Eero Saarinen, 1956, Aluminium, Kunststoff, Hocker