Designer-Porträt Charles Rennie Mackintosh

Designer-Porträt: Charles Rennie Mackintosh
© Cassina
Der Kunstgewerbler

Nachdem Charles Rennie Mackintosh im Dezember 1928 und seine Frau Margaret im Januar 1933 in London verstorben waren, wurde der Besitz des Paares geschätzt: Ein Gutachter bewertete ihren Nachlass – Architekturzeichnungen, Einrichtungsgegenstände, Aquarelle und Blumenbilder – mit 88 Pfund, 16 Schilling und zwei Pence. Der Pionier der Moderne starb verarmt und in Vergessenheit geraten, fernab von Glasgow, der Stadt, die ihn um die Jahrhundertwende berühmt gemacht hatte.

Dabei hatte die Karriere des Polizistensohnes begonnen wie im Bilderbuch. Mit Anfang 20 war er Angestellter des Glasgower Architekturbüros Honeyman & Keppie. Nach der Arbeit besuchte er mit seinem Kollegen Herbert MacNair Abendkurse an der Glasgow School of Art und wurde Teil einer illustren Künstlerszene. Man traf sich zu Tees, Maskenbällen und Picknicks im Grünen. Bald lernten die beiden Architekten Margaret und Frances MacDonald kennen. Die Unternehmerstöchter belegten Kurse in Stickerei, Aquarellmalerei und Textildesign, und die vier verstanden sich prächtig. Als "The Four" wurde die Gruppe bald über die Grenzen ihrer Heimatstadt hinaus bekannt, hatte Ausstellungen in Lüttich (1895), in London (1896) und Veröffentlichungen in Magazinen wie "The Studio" oder "Dekorative Kunst". Die Mac-Donald-Schwestern zeigten ihre symbolistischen Aquarelle und Zeichnungen, MacNair und Mackintosh prägten mit ihren Interieurs den "Glasgow Style" – die keltische Antwort auf Wiener Sezession und Pariser Art Nouveau.

"The Four" entwarfen den Look, mit dem sich das aufstrebende Bürgertum einrichtete: eine Mischung aus dem damals angesagten Japonismus, sinnlicher, ornamentaler Wandgestaltung und geometrischem, geradlinigem Mobiliar. Ihre Kundschaft war großzügig, denn Glasgow war die Boomtown der Jahrhundertwende. Die Werften produzierten ein Fünftel aller Schiffe weltweit, Eisenerzvorkommen und ein reger Handel mit Japan bescherten der kleinen bürgerlichen Oberschicht der Stadt einen enormen Wohlstand.

Das Quadrat wird zu Mackintoshs Markenzeichen

1900 war vermutlich das beste Jahr für Mackintosh. Gemeinsam mit Margaret nahm er an einer Ausstellung der Wiener Sezession teil, traf Gustav Klimt und Josef Hoffmann und wurde von Fritz Wärndorfer mit dem Entwurf eines Musikzimmers beauftragt. Die erste Bauphase der Glasgow School of Art, die sein berühmtestes und größtes Gebäude werden sollte, war bereits abgeschlossen. Sie gilt bis heute als eines der besten Beispiele für den Übergang von viktorianischer Bauweise zur beginnenden Moderne. Formen aus der traditionellen Burgenarchitektur Schottlands wurden mit Elementen des Jugenstils kombiniert, und bei den hohen Sprossenfenstern zeigte sich Mackintoshs Vorliebe für das Quadrat, ein Gestaltungselement, das zu seinem Markenzeichen werden sollte.

Nachdem Frances MacDonald und Herbert MacNair 1899 geheiratet hatten, schlossen auch Margaret und Charles 1900 den Bund fürs Leben. Sie bezogen ein Apartment in der Mains Street 120, das sie als Wohnung, Showroom und Atelier nutzten. Von den Gardinen über die Möbel bis hin zu Tischbesteck und Bettwäsche war alles von Margaret und Charles Rennie Mackintosh entworfen worden. Alles war in Weiß gehalten, mit Akzenten in Violett und Rosa – ein erhabener Kontrast zur schmutzigen, rußgeschwärzten Umgebung der Industriestadt Glasgow.

In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts war Mackintosh auf der Höhe seines Erfolges: Seine Auftraggeber ließen ihm freie Hand, er entwarf das legendäre "Hill House" für die Familie des Verlegers Walter Blackie und wurde Teilhaber im Architekturbüro Honeyman & Keppie. Als Mackintosh 1901 am Wettbewerb für das "Haus eines Kunstfreundes" teilnahm, schrieb Hermann Muthesius, der damals als Kulturattaché der deutschen Botschaft in London lebte: "Das Äußere des Gebäudes ist ganz und gar einmalig, es gibt nichts, was ihm gleicht. Wir finden in dieser Architektur auch nicht die geringste Spur konventioneller Formen, denen gegenüber der Architekt momentan größte Gleichgültigkeit beweist."

Leider waren dem Architekten auch die Wettbewerbsbedingungen ziemlich egal. Er gab seinen Beitrag unvollständig ab und bekam keinen Preis. Bald sollten sich weitere Schatten über das Bohème-Leben der Mackintoshs legen. Margarets Kinderwunsch blieb unerfüllt, ihre Schwester Frances litt unter Depressionen, die sie in den Selbstmord trieben. Mackintosh verfiel zunehmend dem Alkohol, was dazu führte, dass er immer weniger Aufträge bekam und ihm ein Bauherr sogar einen bereits begonnenen Auftrag entzog.

Teesalon-Aufträge inspirieren zu seinen wichtigsten Möbeldesigns

Ironischerweise war es eine strenge Abstinenzlerin, die Mackintoshs treueste Auftraggeberin blieb. Catherine Cranston eröffnete zwischen 1894 und 1910 in Glasgow eine Reihe von Teesalons mit dem Ziel, den steigenden Alkoholkonsum in allen gesellschaftlichen Schichten einzudämmen. Mackintosh wurde für den Innenausbau engagiert. Hier entstanden seine wichtigsten Möbeldesigns: Für den Teesalon in der Argyle Street entwarf er den berühmten Stuhl mit hoher Rückenlehne und ovalem Kopfstück. Für den "Willow Tea Room" die Leiterrücken-Stühle und den "Willow Chair", der mit seiner gebogenen Rückenlehne bis heute zu den handwerklich anspruchsvollsten Möbelklassikern zählt: Damit sich 23 gerade Holzleisten zu einem halbrunden Gitter zusammenfügen, müssen 144 Holzstücke angeschrägt abgesägt und zwischen die Stäbe gesetzt werden. Das bedeutet 1.152 einzelne Sägeschritte. Beim italienischen Möbelhersteller Cassina, der den "Willow Chair" auch heute noch zum großen Teil in Handarbeit produziert, gilt das Stück als Königsdisziplin, für dessen Herstellung nur die erfahrensten Handwerker eingesetzt werden.

1909 wurde der Westflügel der Glasgow School of Art fertiggestellt, mit der dunklen, zweistöckigen, vom Japonismus inspirierten Bibliothek, die bis heute als Mackintoshs Meisterwerk gefeiert wird. Nach 1910 wurde die Auftragslage bei Honeyman & Keppie immer schwieriger. Mackintoshs Starrsinn, kombiniert mit Trunksucht und Unzuverlässigkeit, machte die Sache nicht besser. 1914, im Alter von 46 Jahren, verließ der Architekt Glasgow, nachdem er aus dem Büro Honeyman & Keppie ausgeschieden war. Die Mackintoshs verbrachten den Sommer zunächst im Haus von Freunden in Suffolk, wo Mackintosh aufgrund seiner Kontakte nach Deutschland und Österreich der Spionage verdächtigt und kurzzeitig verhaftet wurde.

1915 ließ sich das Ehepaar in London nieder. Die Mackintoshs wurden Teil der Künstlerszene von Chelsea und lebten mehr schlecht als recht von Margarets Erbschaft und dem Verkauf von Aquarellen und Textildessins. Einmal noch erhielt Mackintosh einen bedeutenden Architekturauftrag: 1916 bat ihn der Industrielle Wynne Bassett-Lowke um den Ausbau eines Hauses in Northhampton. "Derngate 78" war mit strengen Geometrien, starken Linien und Farbkontrasten, wie sie später im Art déco populär wurden, seiner Zeit weit voraus. Legendär ist das Gästezimmer mit gestreiften Tapeten, dessen berühmtester Gast, George Bernhard Shaw, auf die Frage, ob ihn das markante Dekor im Schlaf gestört habe, antwortete: "Aber nein, ich schlafe stets mit geschlossenen Augen."

Das Ende von Charles Rennie Mackintosh, der Beginn einer Legende

1923 reisten die Mackintoshs nach Südfrankreich, der niedrigeren Lebenshaltungskosten und des gesunden Klimas wegen. Sie verbrachten die folgenden Jahre im "Hotel du Commerce" in Port-Vendres. Charles malte Aquarelle, die Margaret mit wenig Erfolg zu verkaufen versuchte. Als Charles 1927 über Halsschmerzen und eine geschwollene Zunge klagte, kehrte das Paar zurück nach London, wo bei Charles Zungenkrebs diagnostiziert wurde. Nach einer Radiumtherapie lebten sie noch einige Monate im Londoner Stadtteil Hampstead, doch Charles’ Zustand verschlechterte sich zusehends.

Am Ende seines Lebens konnte er nicht mehr sprechen und starb 1928 in einem Londoner Pflegeheim. Margaret lebte noch bis 1933 zuruückgezogen in Chelsea. Wenige Monate nach ihrem Tod eröffnete eine Mackintosh-Ausstellung in Glasgow – die erst posthume Anerkennung in seiner Heimatstadt. Bis zu seinem Aufstieg zur Kultfigur sollte es jedoch noch ein paar Jahrzehnte dauern. In den dreißiger Jahren wurde "House’hill", Miss Cranstons Wohnhaus, abgerissen, die Stadt Glasgow baute auf dem Grundstück Sozialwohnungen.

Charles Rennie Mackintosh wurde erst von Kunsthistorikern, nach dem Zweiten Weltkrieg dann von Sammlern und in den Siebzigern vom Designhersteller Cassina wiederentdeckt. Heute ist der Einfluss des Glasgowers auf die Vorkriegsmoderne unbestritten, seine Architektur steht auf einer Stufe mit der eines Frank Lloyd Wright oder Le Corbusier. Die Arbeiten, die nach Mackintoshs Tod kaum Abnehmer fanden, erzielen heute Höchstpreise: Im September 2012 wurden zwei Mahagonistühle aus dem Wohnhaus von Miss Cranston in Edinburgh für 46.000 Pfund versteigert, ein Mackintosh-Aquarell mit gelben Tulpen von 1919 wechselte für 130.000 Pfund den Besitzer.

Autorin: Dorothea Sundergeld

DESIGNT FÜR DIESE HERSTELLER:

Cassina

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