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Designer-Porträt Eileen Gray (1877 - 1975)

Die Erste
Eileen Gray

Kann ein Sessel 20 Millionen Euro wert sein? Ganz Paris staunte, und am meisten staunten die Männer. Eine Frau hatte allen die Show gestohlen, Eileen Grays "Drachensessel" ist seit einer spektakulären Christie’s-Auktion der teuerste Stuhl des 20. Jahrhunderts. Verständlich ist der Rekordpreis nur symbolisch: Er steht auch für den Glanz einer nicht mehr wiederholbaren Zeit. Und er ist ein Ausgleich fürs jahrzehntelange Ignorieren einer schillernden, vielfach begabten modernen Frau. Heute schwärmen Architekturkritiker von Gray’schen Häusern und Räumen, die keiner von ihnen im Originalzustand gesehen hat.

Rätselhafte Lack-Liebhaberin

Und vieles rund um Eileen Gray scheint geheimnisvoll. Als das irische Nationalmuseum 2001 eine Gray-Ausstellung vorbereitet, stößt man in einem Sekretär auf ein verborgenes Fach, darin ein Tütchen Hasch, jahrzehntealt. Man ist etwas verlegen, aber mehr noch stolz – eine neue authentische Spur dieser legendären Frau mit den vielen Leerstellen im Lebenslauf! Manche der Rätsel hat Eileen Gray selbst erzeugt, weil sie, bevor sie 98-jährig ziemlich einsam starb, noch viele persönliche Dokumente und Fotos verbrannte; manches klärt sich auf, wenn man genauer hinschaut. Ihre Erscheinung etwa, diese seltsame Mischung aus Noblesse und Rebellion, lässt sich überraschend direkt aus väterlichen und mütterlichen Einflüssen ableiten. Die eine Linie, die des italienischen Maler-Papas, gab ihr wohl die Sehnsucht nach einem freien Leben mit, die andere Linie, die der aristokratischen irischen Mama, gab das Geld dafür; Träume und Talent allein hätten das nicht geschafft.

n Irland ist Eileen nur wenige Mädchenjahre lang gewesen, ihr eigenes, ihr Erwachsenenleben beginnt 1901 in London auf der Kunstschule. Dort löst sie sich schnell von der ganz aufs Heiraten fixierten Mentalität höherer Töchter. Einige Jahre lang schwankt sie noch zwischen London und Paris, wo sie sich 1907 endgültig niederlässt – sie ist jetzt 26 Jahre alt, sie mietet am linken Seine-Ufer eine Wohnung, die sie für die nächsten 70 Jahre behalten wird. Anfang des 20. Jahrhunderts ist Paris die Kulturhauptstadt der Welt, alte Opulenz trifft auf vergnügungssüchtiges neues Geld; die Kubisten sind da, die unruhigen Maler, die Vorkämpferinnen der Frauenbewegung. Fast von allein wird hier aus der Kunststudentin Eileen die produzierende Kunsthandwerkerin. Schon in London hat sie ihre Liebe zu Lack entdeckt, jetzt erregt sie einiges Aufsehen mit mitternachtsblau glänzend polierten Wandschirmen, für die sie geduldig Schicht um Schicht rund um zarte Perlmuttintarsien pinselt.

Von der lasziven Lebefrau zur Avantgardistin

Sie ist ein Geheimtipp; sie ist Teil der Glamour-Szene und ist es doch nicht. Salonempfänge und Vernissagen meidet sie, nutzt aber selbstbewusst die Freiheiten der Zeit. Sie hat Affären mit Frauen, sie ist eine der ersten Automobilistinnen, macht Reisen nach Nordafrika. Freundinnen begleiten sie schon mal als Mann verkleidet oder mit einem schwarzen Panther an der Leine, und als sie ihren eigenen Interieur-Laden eröffnet, gibt sie ihm den fiktiven Männernamen "Jean Desert". Kommerziellen Erfolg hat sie damit nicht, der Laden kann sich nur dank ihres Vermögens halten. Aber sie richtet spektakuläre Räume für Modemacher und Kunstsammler ein – in der aktuellen orientalischen und fernöstlichen Mode, doch mit erkennbar eigener Handschrift: lasziv und voller Raffinesse, die Grenzen zwischen Möbeln, Dekoration und Raum verschwimmen.

Dann passiert etwas Erstaunliches: Die Frau, die eben noch Schlangen, Löwenköpfe und Drachen applizierte, wird zur Avantgardistin. Der eine Grund dafür ist theoretisch und heißt De Stijl, jene holländische Künstlergruppe, die die Lösung aller Gegensätze in minimalistischer Geometrie sieht. Der andere ist menschlicher Natur, heißt Jean und stammt aus Rumänien: Jean Badovici, 31 Jahre alt, 15 Jahre jünger als Eileen. Der Grad der erotischen Intimität zwischen beiden ist nicht belegt, aber in den Augen der Welt treten sie ab 1924 wie ein Liebespaar auf. Badovici schreibt in seiner Architekturzeitschrift ergebene Artikel über Eileen, sie reisen zusammen durch Europa, sie hilft ihm beim Umbau von kleinen Stadthäusern. Und als er von Südfrankreich schwärmt, macht sie nicht nur im Kopf Pläne für ein gemeinsames Haus. Sie sucht und kauft ein Grundstück in der Nähe von Monte Carlo, sie baut, nur von einem Maurer und einem Schreiner unterstützt, ein Haus in den Klippen, und sie lässt es auf Badovicis Namen eintragen. Über die Motive kann man rätseln: Ist es Liebe? Oder Mäzenatentum, weil sie hofft, mit ihm ein Architekturbüro zu gründen?

Der Mythos um "E1027"

Der eigenartige Name "E1027" würde zu beidem passen, er steht für die Initialen des merkwürdigen Paares: E für Eileen, 10, 2 und 7 für die Positionen im Alphabet, wo man J, B und G findet. Auch gestalterisch ist das Haus eigensinnig: hypermodern, weiß, mit offenem Grundriss. Von ihrem Handwerkernetzwerk lässt Eileen dafür höchst individuelle Möbel bauen, ähnlich denen der Bauhäusler, dazu aber mit etwas, was den Männern der Moderne oft fehlt: Ironie. Sessel wirken leicht wie Liegestühle oder knuffig wie das gerade populäre Michelin-Männchen, ein kleiner Metall-Glas-Tisch lässt sich fürs Frühstück spielerisch leicht übers Bett schieben. Selbst der große Le Corbusier erkennt in einem Brief "Erhabenheit, Charme und Originalität" im "E1027" an.

Wenige Jahre später aber wird Le Corbusier rund um das Haus einen pikant-kuriosen Kunststreit auslösen. Eileens Beziehung zu Badovici – wie immer diese auch gewesen sein mag – ist deutlich abgekühlt, und sie hat sich etwas entfernt ein weiteres Haus gebaut, nur für sich und ihre Haushälterin. Und Badovici-Freund Le Corbusier, häufiger Badegast in dem Haus auf den Klippen, hat, von niemandem aufgehalten, alle Wände mit grellen Bildern bemalt. Er habe wie ein Hund seine Duftmarke setzen müssen, kommentiert das später die feministische Forschung, einfach weil Le Corbusier eifersüchtig und neidisch auf das spektakuläre Haus gewesen sei, das eine begabte Dilettantin gebaut hatte. Eileen jedenfalls ist außer sich; sie verlangt von Badovici, dem sie das Haus ja geschenkt hat, und von Le Corbusier die Übertünchung der lauten Bilder. Doch der hat nur Spott für sie übrig: Er habe das Haus doch "nur dort veredelt, wo nichts war". Manche meinen, dieses Erlebnis habe Eileen so gekränkt und verstört, dass sie sich aus jeglicher Kunstszene zurückgezogen habe.

Später Ruhm von Eileen Gray

Was aber nur die halbe Wahrheit ist. In Wirklichkeit hat sie nie aufgehört, weiter zu malen und zu fotografieren, Papiermodelle und Collagen zu kleben, und sie hat auch noch an Architekturwettbeweben teilgenommen. Geholfen hat alles nichts, sie wurde vergessen, kommerziellen Erfolg oder ideelle Anerkennung hat sie jahrzehntelang nicht erlebt – erst ganz kurz vor ihrem Tod, als nämlich ihre frühen Stücke auf Auktionen plötzlich Rekordpreise erzielten. "Lächerlich", hat sie das kommentiert. Wenigstens steht aber nach Jahren des Verfalls ihr "E1027"-Haus unter Denkmalschutz und wird aufwändig restauriert, samt Bemalungen. Die spannende Frage der nächsten Jahre ist nun: Wird es eine Kultstätte für Eileen Gray – oder für Le Corbusier?

Autor: Rolf Mecke

Alle Produkte des Designers

Beistelltisch "E 1027"
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Sofa "Lota"
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Stuhl "Aixia"
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Aixia, ClassiCon, Eileen Gray, 1928, Stahlrohr, Leder, Stuhl
Sessel "Bibendum"
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Bibendum, ClassiCon, Eileen Gray, 1929, Stahlrohr, Leder, Sessel
Leuchte "Roattino"
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Roattino, ClassiCon, Eileen Gray, 1931, Stahlrohr, Leuchte
Beistelltisch "Occasional"
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Occasional, ClassiCon, Eileen Gray, 1927, Stahlrohr, MDF, Beistelltisch
Tisch "Adjustable Table E 1027"
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Adjustable Table E 1027, ClassiCon, Eileen Gray, 1927, Kristallglas, Stahlrohr, Tisch