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Designer-Porträt Joe Colombo (1930 - 1970)

Der Unvollendete
Joe Colombo

Fernseher hängen von der Decke, Betten rotieren, Schränke werden mobil, und Licht wird um die Ecke geleitet: So hat sich Joe Colombo vor 50 Jahren das Wohnen der Zukunft vorgestellt, und noch heute wirken seine Visionen ziemlich sexy. Nicht einzelne, markante Entwürfe machten Colombo zum großen Designer, sondern, dass er ein Lebensgefühl vorausgeahnt hat.

n einem goldenen Moment hat er zwischen funktionalen Stahlrohrmöbeln und holzorientiertem skandinavischem Wohnen einen dritten Weg gesehen und ihn für das italienische Design besetzt: Wohnen mit Kunststoff plus Wohnen in Farbe. Dass Mailand heute als weltweites Kraftzentrum des Designs gilt, verdankt es zu einem Gutteil dieser neuen, jungen, optimistischen Formel, die genau zur richtigen Zeit kam – erfunden von einem etwas schillernden, geheimnisvollen Mann, einem unabhängigen Geist mit vielen Eigenheiten: Joe Colombo.

Joe Colombo: ein düsterer Playboy

Joe Colombo war rastlos und immens fleißig, er war Rebell, aber immer beinah überkorrekt gekleidet, er war liebevoller Ehemann und inszenierte sich als Playboy, er wollte so gern cool sein und kämpfte doch Zeit seines Lebens gegen Übergewicht. Man kann ihn als großen Jungen sehen, verwöhnt vom Glück und doch umweht von Melancholie. Zumindest äußerlich konnte man kaum privilegierter ins Leben starten. Der Vater besaß nördlich von Mailand eine Fabrik für Elektrokabel, genau das Richtige in den späten 40er, frühen 50er Jahren, als alles modernisiert wurde. Selbstverständlich hat der Junge ein eigenes großes Spiel- und Bastelzimmer und experimentiert mit allem, was Papas Kabelfabrik an Materialresten zu bieten hat: Gummi, Metallgeflechten und dieser neuen, geheimnisvollen Sache, die die Amerikaner mit ins von Mussolini befreite Land gebracht haben: Kunststoff.

Überhaupt die Amerikaner und ihr Lebensstil. Der junge Colombo ist eigentlich Cesare getauft worden, aber er lässt sich lieber Joe rufen. Er spielt Jazz, treibt Abenteuersport, liebt schnelle Autos, studiert erst mal Malerei. Er schließt sich einer Künstlergruppe namens Arte Nucleare an. Die sieht nach dem Krieg zunächst noch ziemlich düster in die Zukunft, verfolgt man aber Colombos frühe Zeichnungen, kann man miterleben, wie sich die skeptische Weltsicht von Jahr zu Jahr aufhellt. Anfangs überwuchern riesige Pilze die Erde, und seine unterirdischen Städte haben etwas Bunkerhaftes, doch Colombos Blick wird langsam optimistischer. Runde Häuser senken sich zwar nachts noch in den Erdboden, tagsüber aber drehen sie sich dem Sonnenlauf entgegen. Hier tauchen auch schon immer mehr Kugeln und Kreise auf, geometrische Figuren, die für Colombos Formenwelt typisch werden.

Ein gescheitertes Projekt und erster Designerfolg

Im Italien der 50er Jahre gibt es Designer nach heutigem Verständnis noch nicht, man ist Architekt oder Künstler. Dies sind genau die beiden Fächer, die Joe studiert, aber beide nicht im klassischen Sinne weiterverfolgt. Ins Design rutscht er hinein, er zeichnet Traumautos, er malt moderne Fresken an die Decke seines Jazzclubs, er baut für die Triennale einen kleinen transportablen Multimedia-Kiosk und gründet schließlich 1961 sein erstes Büro neben dem Künstleratelier seines jüngeren Bruders. Als der Vater stirbt, versuchen beide Brüder, die Familienfabrik zu leiten, geben es jedoch bald auf – ihre Talente liegen anderswo, nicht im Elektrokabel-Geschäft. Noch einmal aber sammelt Joe hier wertvolle Erfahrungen mit Kunststoffmaterialien.

Erster Designerfolg wird 1962 eine Lampe, die er zusammen mit dem Bruder Gianni entwickelt hat: Aus Acryl, zeigt sie von der Seite eine C-Silhouette und verbirgt geschickt die reale Lichtquelle, eine banale Neonröhre im Fuß. Rätselhaft scheint das Licht zu schweben – eine eigenartige, sehr attraktive Symbiose von Kunst und konkretem Objekt. Zwar sollte es die einzige Zusammenarbeit der Brüder bleiben, interessant aber ist, wie beide, während sie sich auseinanderentwickeln – Gianni zum freien Künstler und Joe zum Möbeldesigner –, doch einem Thema verbunden bleiben: dem Raum und der Überwindung seiner Grenzen.

Joe Colombos Vision vom Designer als Techniker

Gianni Colombo baut kinetische Inszenierungen ("Der elastische Raum") und schafft es bis zur Documenta; Joe experimentiert mit Modulen und träumt von rotierenden Raumelementen, Funktionszellen und mobilen Containern. Er ermuntert Kartell, ursprünglich ein Autozubehörlieferant, aus dem bisher nur in Pkw eingesetzten ASB-Kunststoff einen Stuhl zu bauen – es wird der erste serielle Spritzgussstuhl für Erwachsene; zuvor waren Versuche jenseits der Kinderstuhlgröße immer an der mangelnden Stabilität gescheitert. Colombo ersinnt Sofas aus Röhren, die sich ineinanderstecken lassen, und einen kompakten Küchenwürfel, inklusive Herd und Kühlschrank weniger als ein Kubikmeter groß. Möbeldesign solle Probleme lösen, findet er, deshalb müsse der wahre Designer ein Techniker auf der Höhe der Zeit sein, ein Kenner des Menschen und der Wissenschaften, "nicht mehr der erhabene Künstler, der Maestro, die exzentrische modische Persönlichkeit". Die reine, zügellose Fantasie produziere nur Dinge, "die weder nützlich noch menschlich sind – vielleicht schön, aber letztlich uninteressant!".

Wie kein anderer Entwerfer interessiert sich Joe Colombo für Raumzusammenhänge, und so nutzt er seine eigenen Wohnungen als Versuchslabore. Im ersten Apartment, noch relativ schlicht, ist der Schlafbereich nur durch einen Lamellenvorhang vom Wohnraum abgeteilt, und ein kleiner Wanddurchbruch zum Flur ermöglicht es, vom Bett aus das Telefon im Flur abnehmen zu können. Hier entsteht auch Colombos erster Sessel, inspiriert von Bootsbautechnik aus Fiberglas, mit abnehmbaren Lederschläuchen; übergroß, ist er fast ein kleiner drehbarer Raum im Raum.

Früher Tod des Design-Revolutionärs

Im nächsten Apartmenthaus wird Joe Colombo Nachbar des Künstlers Oliviero Toscani, der später mit der bunt-schrillen Benetton-Werbung weltberühmt werden wird. Auch Colombo mag’s bunt. Seine Wohnung lässt er mit grünem Filz auslegen und dramatisiert sie mit Podesten und Bodenstrahlern wie ein kleines privates Wohntheater. Über leuchtend weißen Möbeln hängt ein origineller Blickfang an der Wand: ein meterlanges Regal nur mit Colombos Pfeifen. Im nächsten Apartment dominieren dann eine Universalschrankwand und ein Schlafcontainer, aus dem sich das Bett absenken lässt, nachts sorgt ein Zeltdach für Intimität. Geht’s noch kompakter? Er versucht es und entwirft die "Total Furnishing Unit". Buchstäblich alle Möbel und Einrichtungen sind hier in einem 28-Quadratmeter-Block konzentriert, aus dem sich einzelne Module herausziehen, -klappen oder -drehen lassen.

Die Installation ist Teil der legendär gewordenen New Yorker MoMA-Ausstellung "The New Domestic Landscape", sie gilt als kultureller und medialer Auslöser der italienischen Design-Exporterfolge. Colombo selbst sieht sie nicht mehr, er erleidet noch während der Vorbereitungen dazu seinen zweiten Herzinfarkt und stirbt, genau an seinem 41. Geburtstag, gerade als die berühmten 70er Jahre langsam zu ihrem optimistischen Look finden. Aber auch wenn er sie nicht mehr erlebt hat: Wie sie in der Realität aussehen sollten, das hat er früher und plastischer imaginiert als jeder andere.

Autor: Rolf Mecke

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