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Brachvogelweg: So schön ist gute Nachbarschaft

Der Brachvogelweg in Hamburg Lurup.
Der Brachvogelweg in Hamburg Lurup.
© Heiko Spilker
Viele Straßengemeinschaften und ihre Anwohner machen derzeit mit beim Wettbewerb "Die schönste Straße Deutschlands". Zeit, sich vor Ort bei einer Nachbarschaftsinitiative etwas genauer umzusehen.

Eine schöne Sitzbank am Haus ist der Traum vieler. Am besten ist sie aus Holz und steht in Grünen. In Hamburgs Norden steht unter einer Esskastanie schon lange solch eine Bank – sogar gleich mehrere davon. Wer sich hier hinsetzt und zuhört, bekommt viele Geschichten erzählt: Geschichten von Nachbarschaft, Geschichten von gegenseitiger Hilfe, nachdenkliche Geschichten und fröhliche.

Brachvogelweg: So schön ist gute Nachbarschaft
© Heiko Spilker

Auf den ersten Blick scheint der Brachvogelweg eine der üblichen kleinen Stichstraßen im Hamburger Stadtteil Lurup zu sein. Rötlichgraue Pflastersteine bedecken den Boden, am Seitenrand parken Kombis mit Kindersitzen auf der Rückbank und hinter den Carports aus Holz lugen mehrstöckige Wohnhäuser mit roter Ziegelfassade hervor.

Doch beim Näherkommen erkennt man das eine oder andere Detail, das hier ein bisschen anders ist als in anderen Großstadtstraßen, wo die meisten Menschen gerade einmal ihren Nachbarn zur rechten oder linken Seite kennen. Schon nach wenigen Metern in der Straße grüßt an einer silbergrau gealterten Holzwand ein quadratmetergroßes Schild die Besucher und warnt mit einem Augenzwinkern vor "freilaufenden Kindern". Eine Clematis rankt daneben im Sonnenschein die Wand hoch und bildet den Eingang zu einem von insgesamt drei grünen Innenhöfen, in die die Straße fließend übergeht. Überall blüht es. Inseln aus bepflanzten Beeten sind angelegt und unter Bäumen und neben diversen Spielgeräten stehen Holzbänke und Tische auf sattgrünem Rasen und laden zum Hinsetzen ein.

Der Brachvogelweg geht fließend in drei begrünte Innenhöfe über.
Der Brachvogelweg geht fließend in drei begrünte Innenhöfe über.
© Brachvogel e.G.

Treffpunkt im Grünen

In so einer Umgebung bleibt Kinderlachen nicht aus, und Erwachsene, die sich hier begegnen, begrüßen sich mit Vornamen. "Man trifft sich hier häufig. Das ist gut so. Neben vereinbarten sind spontane Begegnungen das A und O für eine gute Gemeinschaft", sagt Helmuth Rose. Seit 14 Jahren wohnen der 72-Jährige und seine Frau Elke im Brachvogelweg. Sie genießen das bunte Treiben in den Innenhöfen. "Hier mischt sich Jung und Alt. Ich kann einfach bei Nachbarn klingeln oder backe einen Kuchen, gehe runter und frage, wer Lust hat mitzuessen. Da muss ich nicht groß einladen", schätzt auch seine Frau Elke das spontane Miteinander im Brachvogelweg. So sind die Innenhöfe bei schönem Wetter schon am Nachmittag belebt und wird am Abend auch mal das eine oder andere Glas Wein zusammen auf einer der Bänke getrunken. Insgesamt schätzen 80 Erwachsene und 40 Kinder die Gemeinschaft der Straße. Sie wohnen in den angrenzenden Gebäuden, die 2002 als elf Passiv-Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser mit 34 Wohnungen im Niedrigenergie-Standard gebaut wurden.

Brachvogelweg: So schön ist gute Nachbarschaft
© Heiko Spilker

Nicht nur die spontanen Treffen schätzen die Nachbarn. Viele Projekte werden sorgfältig geplant – neben Brunch am Sonntag und Spieleabenden für alle gibt es Gartentage zur Pflege der Grünanlagen, Aufräumtage oder Bautage zur Neugestaltung der Spielanlagen. "Unser großes Spielhaus im Hof war solch ein Gemeinschaftsprojekt", erzählt Anja Kiemes, die hier mit ihren zwei Kindern wohnt und sich spontan zum Gespräch dazusetzt. "Das Spielhaus haben wir Nachbarn über Ebay gekauft, vor Ort abgebaut, hergeholt und wieder aufgebaut. Selbst größere Kinder haben dabei mitgeholfen. Das war ein richtiges Gemeinschaftsprojekt." Und nach kurzem Überlegen fügt sie hinzu: "Eigentlich wimmelt es hier nur von solchen Projekten." Und tatsächlich: Neben einer Fahrradwerkstatt gibt es noch einen Kunstkeller, einen kleinen Abenteuerspielplatz für Kinder und diverse Hochbeete mit Gemüse, Erdbeeren und Rhabarber, die von allen gepflegt und geerntet werden.

Immer in Aktion

Das jährliche Sommerfest.
Das jährliche Sommerfest.
© Netzwerk Nachbarschaft/Dirk Masbaum

Große Bedeutung haben für die Bewohner des Brachvogelweges die vier Aktion zu den Jahreszeiten: Im Frühjahr geht es regelmäßig auf einen gemeinsamen Wochenendausflug. Beim Sommerfest im August stehen Zirkusaufführungen, Schatzsuche und Grillen auf dem Programm, während im Herbst zum Apfelfest die schon beim Bau der Häuser gesetzten Apfelbäume abgeerntet werden. "Das ist ein schönes Fest. Wir pressen dann selbst Saft. Letztes Jahr hatten wir sogar einen Chocolatier für die Apfelstücke. Kuchen gibt es natürlich auch," berichtet Janina Klein strahlend, die ebenfalls auf der Sitzbank Platz genommen hat. Im Brachvogelweg bleibt man eben nicht lange allein, wenn man auf der Gemeinschaftsfläche ist.

Janina Klein genießt im Brachvogelweg die gute Gemeinschaft.
Janina Klein genießt im Brachvogelweg die gute Gemeinschaft.
© Heiko Spilker

Aber auch in der Wohnung bleibt der Kontakt nicht aus. Im Dezember ziehen kurz vorm Fest etwa 60 Kinder und Erwachsene von Haustür zu Haustür und begutachten bei einer Weihnachtsbaumparade gemeinschaftlich die Christbäume der Nachbarn. Dabei küren sie nicht nur den schönsten Baum, sondern singen auch noch das eine oder andere Weihnachtslied zusammen und stimmen sich so auf die besinnlichen Tage ein.

Alle für alle und offen für andere

Bei so viel Gemeinschaftssinn hilft man einander auch sofort, wenn einem Nachbarn mal etwas zustößt. Wie beim Wasserrohrbruch vor einem Jahr, den Anja Kiemes hautnah erlebte. "Wir waren gerade mal zwei Wochen zuvor eingezogen. Ich ging in den Keller und stand auf einmal knöcheltief im Wasser. Es hat aber keine zehn Minuten gedauert, da waren alle da. Das ganze Haus hat sofort mitgeholfen. Es ging wie ein Lauffeuer herum. Eimer kamen und wir alle haben Wasser geschippt. Und nach zwei Stunden war alles wieder trocken. Ich war zutiefst beeindruckt."

Brachvogelweg: So schön ist gute Nachbarschaft
© Axel Kirchhof

Wer als Gemeinschaft schon so viel geschafft hat, macht natürlich auch beim Wettbewerb "Die schönste Straße Deutschlands" mit. 200 Euro gab es als Startgeld für ihr Projekt, weil die Nachbarschafts-Initiative am Brachvogelweg zu den ersten 100 Anmeldungen gehörte. "Das Geld haben wir auch schon auf den Kopf gehauen: Gekauft haben wir davon überwiegend Farben und Werkzeuge", freut sich Janina Klein über die Anschubfinanzierung des geplanten Kunstprojektes. In den Wochen darauf wurden mehr als 20 Ytong-Steine gemeinschaftlich bearbeitet, die jetzt als Skulpturen den Straßenrand der Spielstraße verschönern.

Der feierliche Rahmen zur Einweihung war das alljährlich große Sommerfest im August. Und wie es sich für eine gute Nachbarschaftsinitiative gehört, waren nicht nur die Anwohner des Brachvogelweges eingeladen, sondern natürlich auch die Nachbarn aus den umliegenden Straßen. So wirkt die Idee einer guten Nachbarschaft noch viel weiter als nur bis zur Bank vor der eigenen Haustür.

Zur Homepage der Bau- und Wohngenossenschaft Brachvogel eG:
www.brachvogel-eg.de

Brachvogelweg: So schön ist gute Nachbarschaft
© Heiko Spilker

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