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Farnsworth House: Eine Architekturikone des 20. Jahrhunderts

Interior des Farnsworth Houses von Lufwig Mies van der Rohe in Plano Illinois; im Vordergrund ein Tisch mit Freischwingern
Transparent und durchscheinend lässt das Farnsworth House die Umgebung bis ins Interior des Gebäudes wirken.
© Adobe Stock; Nick
Ein Landhaus, ein fließendes Raumkonzept, eine Architekturikone – und ein Zankapfel: Der rundum verglaste Bau des Farnsworth House bietet großartige Ausblicke ins ländliche Illinois, aber wenig Privatsphäre. Nach anfänglicher Begeisterung bereitet die Offenheit der Bauherrin Kopfschmerzen und sie trifft sich mit Architekt Ludwig Mies van der Rohe vor Gericht. Die Geschichte eines weltberühmten Bauwerks.

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Farnsworth House – ein transparenter Pavillon für Dr. Edith Farnsworth

Zwei Ebenen gliedern das erste durch Ludwig Mies van der Rohe realisierte, komplett stützenfreie Gebäude: Die der Boden- und die der Deckenplatte des Farnsworth House, das der Architekt zwischen 1945 und 1951 für die Ärztin Dr. Edith Farnsworth aus Chicago entwirft und das von 1950 bis -51 in der nordwestlichen Prärie von Illinois, in Plano unmittelbar am Fox-River errichtet wird. Einem Fluss, der jedes Jahr im Frühjahr zuverlässig über die Ufer tritt und die angrenzenden Wiesen und Felder des ländlich geprägten County überflutet.

Mies gestaltet den durchgehend verglasten und fünf Meter hohen Korpus des Farnsworth House transparent, schwebend, aufgebockt auf etwa eineinhalb Metern Höhe. Im Inneren gehen Küche, Schlaf- und Wohnraum ineinander über, während in der Mitte des Gebäudes ein frei stehender Versorgungskern Badezimmer und etwas Stauraum beeinhaltet. Eine niedrige Treppe führt auf die vorgelagerte Terrasse. Von dort erschließt eine weitere Terrasse die eigentliche Bodenplatte des Hauses.

Zwar steht zwischen der streng formalen Gestalt des Farnsworth House und seiner Umgebung, einer Wiese und einem kleinen Wäldchen, kein direkter Bezug. Dennoch gestaltet Ludwig Mies van der Rohe den Pavillon so transparent, dass die Natur bis ins Haus wirkt und man den Wechsel der Jahreszeiten beinahe hautnah miterlebt.

Barcelona Pvillon von Mies van der Rohe
Das Farnsworth House folgt gestalterisch in Ludwig Mies van der Rohes Werk auf den Barcelona Pavillon von 1929, von dem heute noch eine Replik zu besichtigemn ist (Foto).
© Adobe Stock; Torval Mork

Bezüge zum Barcelona Pavillon und der Villa Tugendhat in Brünn

Im Werk Mies van der Rohesfolgt das Farnsworth House gestalterisch auf den Barcelona Pavillon.Der war als temporäres Gebäude für die Weltausstellung 1929 in der südspanischen Metropole entstanden und zeugt von einer zehnjährigen Phase intensiver Zusammenarbeit von Mies van der Rohe und seiner Partnerin Lilly Reich. Diese wird 1932 noch Meisterin am Bauhaus, bleibt nach 1933, anders als Mies, in Deutsch­land und führt bis zu ihrem Tod 1947 ein Atelier für Architektur, Design und Mode in Berlin.

Der Wechsel aus Transparenz und Massivität werden sich durch Mies van der Rohes Lebenswerk ziehen. Hier am Beispiel des Barcelona Pavillons.
Der Wechsel aus Transparenz und Massivität werden sich durch Mies van der Rohes Lebenswerk ziehen. Hier am Beispiel des Barcelona Pavillons.
© Alice Wiegand / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Mies selbst entwickelt die fließende Komposition aus edlen Materialien und enormen Glasflächen im Anschluss zu einem neuen Standard der Eleganz weiter. In der Villa Tugendhat, die er parallel zum Barcelona Pavillon entwirft, später beim Farnsworth House, aber auch bei der Berliner Nationalgalerie sind die Rhythmen aus Schwere und Transparenz, aus seriellen und handwerklich gefertigten Elementen immer neu variiert. Es soll das Lebensthema des Architekten werden.

Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) schuf als Architekt Ikonen wie die Villa Tugendhat, das Farnsworth House und die Neue Nationalgalerie in Berlin. Bis zu seiner Emigration in die USA 1938 entwarf er aber auch Möbel. Der Freischwinger wurde 1935 erstmals als "MR 533" im Thonet-Katalog gelistet, heute heißt er "S 533" (oben) und schmückt so bedeutende Bauten wie Haus Schminke.
Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) schuf als Architekt Ikonen wie die Villa Tugendhat, das Farnsworth House und die Neue Nationalgalerie in Berlin. Bis zu seiner Emigration in die USA 1938 entwarf er aber auch Möbel.
© Thonet

1930 wird Mies als Direktor zum Bauhaus Dessau berufen, das die Nazis bereits 1932 schließen werden. Trotzdem bleibt Mies länger in Deutschland als Bauhaus-Kollegen wie Klee, Gropius oder Kandinsky. Erst als Hitlers Kulturbeauftragter ihn fragt, ob er bereit sei, seine Entwürfe unter dem Namen des Führers zu bauen, so erzählte es seine Tochter Georgia van der Rohe im "Spiegel", verlässt er noch in derselben Nacht Deutschland – und Lilly Reich. In Amerika leitet der Architekt von Weltrang die Architekturabteilung des Armour Institute in Chicago und gründet 1939 dort sein Architekturbüro. Und: Nur ein Einfamilienhaus baute Mies in seiner amerikanischen Zeit – das Farnsworth House.

Das Problem mit der Moderne

Allerdings: Moderne tut nicht immer gut – und weniger ist nicht unbedingt mehr. So manch gefeierte Architekturikone entpuppt sich nach dem Einzug als Problemzone. Und so ist auch Mies van der Rohes berühmtes Farnsworth House nicht über jegliche Kritik erhaben: Das Wohnen in Glas und Stahl überfordert die Bewohnerin. Baumängel rauben Edith Farnswort an den Wochenenden die Nerven. Architekt und Bauherrin gehen schließlich vor Gericht.

Unbewohnbar? Der Streit ums Farnsworth House

"Mit Geld ist nicht zu bezahlen, was hier mit Herz und Seele getan wurde"

schwärmt Dr. Edith Farnsworth noch, als Ludwig Mies van der Rohe ihr 1946 die Pläne ihres Wochenendhauses in Plano, Illinois offenbart. Radikal soll der Bau sein. Der beschriebene, rundum verglaste Bungalow, der auf acht Stahlstützen über der Niederung des Fox-Rivers zu schweben scheint. Sieben Jahre später sehen sich Auftraggeberin und Architekt vor Gericht wieder und liefern sich eine der erbittertsten Auseinandersetzungen der Architekturgeschichte. Mies klagt auf Zahlung seines Honorars, Edith Farnsworth beschwert sich über fundamentale Bauschäden und holt zum Rundumschlag aus: "Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild. Ich wollte etwas Bedeutungsvolles haben, aber alles, was ich bekam, war diese Spitzfindigkeit. Wir wissen, dass weniger nicht mehr ist. Es ist einfach weniger. Ich kann keinen Kleiderbügel im Haus aufhängen, ohne mich zu fragen, wie das die Anmutung von außen verändert.“

Farnsworth House – eine wunderschöne Zumutung

Das Gericht entschied auf Vergleich, und wer immer dieser Lichtgestalt der optimistischen Architekturmoderne gegenübersteht, muss der Bauherrin im Grunde recht geben. Keine Radiatoren vor den im Winter beschlagenen Fenstern, kein Sonnenschutz vor diesem Brutkasten im Sommer: Dieses Haus ist eine wunderschöne Zumutung.

Architekt Ludwig Mies van der Rohe allerdings ist bis zu seinem Tod 1969 überzeugt vom historischen Wert seines Werks – und er soll, trotz aller Kritik, am Ende recht behalten. Der große Gestalter, dem das Bonmot "Less is more", also "Weniger ist mehr", zugeschrieben wird, sagt einmal über das Farnsworth House:

"Dieses Haus ist sehr viel wichtiger, als Größe oder Kosten es ahnen lassen. Es ist ein Prototyp für alle Glasbauten".

Bauherrin Farnsworth verkauft das Haus 1972. In den Jahren danach wird es von einem Nachkommen Ludwig Mies van der Rohe saniert und erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nach einem weiteren Verkauf ist der amerikanische Verein National Trust for Historic Preservation heute im Besitz des Farnsworth House.

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