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Die Designbrüder Erwan und Ronan Bouroullec

Ronan und Erwan Bouroullec sind heute die unumstrittenen Stars am Firmament des Möbeldesigns – kein Wunder bei so viel Können und Talent. Eine Spurensuche unter Brüdern.
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Ist das Kunst, oder kann das weg? Wackelige Drahtgestelle, rätselhaft verschlungene Netzgebilde, lose gestapelte Stuhlbeine: Käme hier eine resolute Putzhilfe zum Aufräumen, sie würde Bausteine eines Millionenprojekts wegwerfen – oder auch nur von der Zeit überholte Ideen-Reste. Die Bouroullecs lieben so etwas, sie sammeln und collagieren, sie suchen Kontraste und ungewohnte Kombinationen. Damit sind sie in ganz wenigen Jahren zu Frankreichs Top-Designern geworden.

Woran man das merkt? Dass nicht sie sich bei Firmen bewerben, sondern umgekehrt die Firmen bei Ihnen. Bei all dem sind sie demonstrativ zurückhaltend und leise, fast das Gegenteil des inflationären Spiels "Der-Designer-ist-der Superstar". Ein Besuch bei den Bouroullecs, Annäherungsversuch an zwei Geschwister, denen so viel Widersprüchliches gelingt: sehr moderne Möbel zu bauen, die gleichzeitig seltsam vertraut wirken, freundlich und verbindlich zu agieren und doch nur nach den eigenen Regeln zu spielen.

Ihr Studio in einem Pariser Hinterhof, ein früheres Nähatelier nicht weit von der Gare du Nord, ist hell und weitläufig – und an diesem Vormittag überraschend ruhig und leer. "Wir haben unsichtbare Schutzwälle eingebaut und alles so organisiert, dass wir hier sehr konzentriert und genau so arbeiten können, wie wir wollen", erklärt Ronan. Sie verspürten beide keine Lust, nur im Flugzeug zu sitzen und Projekte zu akquirieren, Projekte müssten zu ihnen kommen, "und es müssen auch die richtigen sein". Bewusst hätten sie das Studio klein gehalten, "das lässt uns die Freiheit, Nein sagen zu können. Und wir sagen oft Nein".

Kreativität: "Es ist eine Art inneres Chaos."

Nur vier Mitarbeiter bevölkern heute die lange Flucht aus Computerarbeitsplätzen und Modellwerkstatt, leise Lounge-Musik durchströmt die zweieinhalb Etagen, Kaffeemaschine, Süßigkeitenbar und eine Schiefertafel bilden den geografischen Mittelpunkt; an den Stirnwänden – also weit auseinander – die Arbeitsplätze der beiden Chefs. Auf Ronans Tisch: aufgeschlagene Bücher, Stifte in allen Regenbogenfarben, Skizzen, Ausdrucke, Magazine – selbst die übergroße Platte kann die kreative Fülle kaum fassen. Ronan ist der Ältere und der Studiogründer, der nach den ersten Erfolgen und Aufträgen schnell seinen um fünf Jahre jüngeren Bruder in die Firma nachholte. Nur kurz haben sie versucht, unter ihren jeweils eigenen Namen zu entwerfen, hätten aber dann "selbst nicht mehr auseinanderhalten können, welche Idee von wem war". Andere auch nicht.

taube

Axor-Chef Philippe Grohe etwa, der mit den Brüdern fast sechs Jahre lang eine Badkollektion entwickelte, erzählt gern die Anekdote, dass immer dann, wenn er glaubte, ihre interne Arbeitsaufteilung verstanden zu haben, diese schon wieder eine ganz andere war. Rolf Fehlbaum von Vitra fühlt sich an das geheimnisvolle Ehepaar Charles und Ray Eames erinnert, bei dem mit zunehmendem zeitliche Abstand immer unklarer wird, wer wen mehr inspiriert hat. Und Giulio Cappellini vermutet das Geheimnis ihrer kreativen Kraft im Privaten, weil sie sich Dinge sagen können, wie das nur unter Brüdern geht. Ist das so? Erwan, der ernstere der beiden, denkt lange nach, stimmt dann zu: "Wir können ein bisschen schizophren sein. Und wir streiten oft." Ronan: "Wir zweifeln stark, wir kämpfen viel, Kreativität ist nicht leicht, es ist eine Art inneres Chaos."

Wer ihnen von außen zusehe, verstehe das manchmal nicht, es seien aber die üblichen, manchmal quälenden Prozesse, die Solisten mit sich selbst ausmachen müssten, während sie sie mit verteilten Rollen auffächern könnten. Manchmal sprächen sie tagelang kein Wort miteinander, die einzige, immer sichere Gemeinsamkeit: "Wir beide mögen keine Kompromisse"; ein Produkt sei erst dann okay, wenn beide davon überzeugt seien, Zweifel bei einem reichten aus, um ein Projekt anzuhalten oder auch ganz zu stoppen. Erwan etwa möchte gern ein Haus aus Kunststoff entwerfen, Ronan nicht – also gibt’s das Projekt erst mal nicht.

Faszination aus Technik und Phantasie

Umso schöner, wenn alles passt. Beim Sofa "Facett" war es die Faszination, Mode und Möbel zusammenzubringen und dafür die technischen Möglichkeiten von Ligne Roset bis an die Grenzen auszureizen. Das Ergebnis: ein Polster aus mehrlagigem Sandwichstoff, gefaltet und abgesteppt wie ein enges Kleid. Bei "Clouds" von Kvadrat erwuchs aus der Dekoration eines Showrooms ein System aus riesigen Textilpuzzlesteinen, ganz aus Erwans Begeisterung für fraktale Geometrie abgeleitet – aus einer Fläche wird etwas Dreidimensionales, das, mit Abstand gesehen, wieder wie eine Fläche wirkt. Bei Vitras "Vegetal" war es der lange Weg zu einem Stuhl mit der aus der Natur übernommenen Statik verzweigter Äste, bei Axor der noch längere Weg zum extrem schlichten, abgerundeten Bad, dessen gestufte Ablageflächen aussehen, als wüchsen sie aus den Beckenrändern wie aus einer weichgespülten Küstenlandschaft.

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Schöner als Worte erzählen die zarten Skizzen der Bouroullecs von den Wegen und Umwegen ihre Formensuche – und dass die beiden bei aller Grübelei und Diskussion Romantiker sind; viele ihrer Zeichnungen wirken fröhlich wie Illustrationen für Bilderbücher. Beide Bouroullecs sind vor zwei Jahren Väter geworden. Hat sie das verändert?

Weniger, als er dachte, meint Ronan, eher habe es ihre eh schon strikten Grundsätze bestätigt: verlässlicher Feierabend, möglichst keine Arbeit mit nach Hause nehmen und am Wochenende raus aus der Stadt – beide haben südlich von Paris ein Haus an der Seine gemietet, ganz romantisch, mit einem Boot direkt vor der Tür. Erwan erzählt, wie er dank seiner Tochter die Welt noch mal mit neuen Augen sehe, was auch für ihn aufregend sei. Und dass es passieren könne, dass er sich einen ganzen Tag lang hinstelle und an einem Holzspielzeug für seine Tochter schreinere. "Da sieht man sofort, wofür es gut war", sagt er mit leuchtenden Augen. "Beim Design braucht man dafür Jahre!"

Erwan Bouroullec - der stille Techniker

Er ist der jüngere und auf den ersten Blick ernstere und verschlossenere der beiden Brüder– was ihn manchmal älter aussehen lässt. Er studierte Kunst, hielt es auch für denkbar, sich mit Video, Schreiben oder Musik auszudrücken – hätte ihn Ronan nicht noch während des Studiums in sein Designstudio geholt und zum gleichberechtigten Partner gemacht. Von beiden Bouroullecs ist Erwan der sehr viel stärker Technikbegeisterte, er liebt Materialrecherchen und Computervisualisierungen, arbeitet dann zum Ausgleich aber gern handwerklich, hat es sich zum Prinzip gemacht, nur solche Dinge zu entwerfen, die er auch noch selbst mit der Hand bauen kann. Gestalterisch ist er fasziniert von der Anpassungsfähigkeit der Natur, ihrer logischen Geometrie, ihren flexiblen, sich endlos wiederholenden Strukturen. Wie Ronan ist auch Erwan verheiratet, hat eine Tochter und lebt in einer kleinen Pariser Altbauwohnung.

Ronan Bouroullec - der kreative Überflieger

Er zeichnet, seit er 15 ist; gut in der Schule war er nur im Fußball und im Kunstkurs. Als ihm ein Buch über den amerikanischen Bildhauer Donald Judd in die Hände fiel, wusste er: So etwas wollte er auch machen. Beeindruckt hat ihn vor allem, wie Judd inmitten der texanischen Prärie Modernität ausdrückte, denn ländlich war auch Ronans Kindheitsumgebung in der Bretagne, wo er 1971 nahe der Kleinstadt Quimper geboren wurde. Die Großeltern waren Bauern, die Eltern im Gesundheitswesen tätig. Mit 25 machte Ronan auf der Pariser Hochschule der dekorativen Künste sein Diplom. Dann ging es schnell. Mit 26 zeigte er auf der Messe den ersten großen Entwurf, eine Küche, bekam sofort Aufträge und holte seinen um fünf Jahre jüngeren Bruder zur Unterstützung. Mit Auftraggebern wie Ligne Roset, Vitra, Magis und Axor sind die Bouroullecs die einflussreichsten Designer unserer Zeit.

Kontakt

Ronan und Erwan Bouroullec
info@bouroullec.com
www.bouroullec.com