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Die Ulmer Schule: Das Prinzip der guten Form

Mit Funktionalismus und politischer Mission prägten Dozenten wie Otl Aicher, Hans Gugelot und Max Bill die industrielle Ästhetik der Bundesrepublik. Bis heute gilt die Ulmer Hochschule für Gestaltung als einflussreichste deutsche Designschule seit dem Bauhaus.
"Ulmer Hocker" von Max Bill

Der "Ulmer Hocker", 1954 von Max Bill und Hans Gugelot für die HfG entworfen, ist heute in Fichte, Nussbaum und in sechs Farben erhältlich. Er ist ein Objekt von calvinistischer Strenge, das den Gestaltungsansatz der Schule widerspiegelte: Reduktion aufs Wesentliche. 

In diesem Artikel
Politische Mission
Pläne der Design-Schule
Neue Rolle des Designs
Max Bills Werk
Kurzweiliger Erfolg

Das am weitesten verbreitete Produkt, das die Ulmer Schule hervorbrachte, war "TC 100": ein Systemgeschirr, dessen 30 verschiedene Teile sich allesamt stapeln ließen. Nick Roericht, Student bei Hans Gugelot, hatte das Porzellanservice als Diplomthema gestaltet – und einen Bestseller gelandet. Das MoMA nahm den Entwurf 1962 in seine Designsammlung auf, Rosenthal produzierte ihn bis 2006. In unserem kollektiven Gedächtnis hat "TC 100" einen festen Platz, denn es war jahrzehntelang in Kantinen, Jugendherbergen und Krankenhäusern anzutreffen. 

Politische Mission

Doch sosehr die Ulmer Schule für Systementwürfe und konsequenten Funktionalismus steht – es wäre unfair, sie darauf zu reduzieren. Gegründet wurde die Designschule mit dem Ziel, die Entwicklung Nachkriegsdeutschlands zu einer friedlichen, demokratischen, freien Gesellschaft zu unterstützen.

Pläne der Design-Schule

Inge Scholl, deren Geschwister Hans und Sophie als Mitglieder der Widerstandsbewegung Weiße Rose 1943 in München von den Nationalsozialisten hingerichtet worden waren, und ihr Mitstreiter Otl Aicher waren überzeugt, dass gutes, bezahlbares Design einen wichtigen Beitrag zu einer freien Zivilgesellschaft leisten könne.

Schon 1946 gründeten die beiden die Ulmer Volkshochschule und arbeiteten mit dem Schweizer Künstler, Gestalter und Architekten Max Bill an einem Konzept für eine Schule, die das Erbe des Bauhauses Dessau antreten könnte. Nach einjähriger Grundlehre sollten sich die Studenten zwischen drei Fachrichtungen entscheiden: Produktgestaltung, visueller Kommunikation, Bauen und Information. Später kam noch eine Filmabteilung hinzu.

"Quadratrundtisch" von Max Bill

Flexibel: Max Bills "Quadratrundtisch" (1949) lässt sich vom Quadrat zum Kreis ausklappen.

Neue Rolle des Designs

"Vom Löffel bis zur Stadt" sollte in Ulm Gestaltung gelehrt werden. Der zentrale Unterrichtsansatz: Studenten lernten, jede Aufgabe von Anfang an neu zu denken. Otl Aicher sah den Designer nicht als Künstler, sondern als wissenschaftlich arbeitenden Entscheider im industriellen Produktionsprozess.

"Dreibeinstuhl" von Max Bill

Elegant: Den "Dreibeinstuhl" entwarf Max Bill 1949 für Wohnbedarf.

Max Bills Werk

1953 nahm die Schule ihren Betrieb auf. Das Gebäude auf dem Oberen Kuhberg, ein klösterlich schlichter Campus mit Werkstätten, Wohnheim und Mensa, wurde von Max Bill geplant und 1955 fertiggestellt. Auch die Inneneinrichtung der Schule entwarf der Bauhaus-Schüler Bill, der der erste Rektor der Hochschule wurde. Im Oktober 1955 wurde das HfG-Gebäude eingeweiht, die Eröffnungsrede hielt der ehemalige Bauhaus-Direktor Walter Gropius. Bis Ende der 60er Jahre entstanden an der HfG zahlreiche Projekte, die stilprägend für die industrielle Ästhetik der Bundesrepublik waren.

Kurzweiliger Erfolg

Keine Frage: Die HfG Ulm war ihrer Zeit voraus. Sie führte Bauhaus-Grundsätze wie Schlichtheit, Ehrlichkeit und Funktionalität weiter und ergänzte sie um eine Haltung, die Design als Werkzeug einer freien, demokratischen Gesellschaftsordnung betrachtete. Dennoch war ihr Erfolg nicht von langer Dauer. Bereits 1957 verließ Max Bill die HfG im Streit, das Rektorat wurde daraufhin an ein Gremium vergeben. 1962 initiierte Otl Aicher eine Reform der Schulverfassung und wurde zum alleinigen Schulrektor gewählt.

Die Streitigkeiten um die Ausrichtung der Lehre hielten trotzdem weiter an, hinzu kamen immer größere finanzielle Probleme. Ende 1967 war die Trägergesellschaft der HfG, die Geschwister-Scholl-Stiftung, hoch verschuldet, die Schule wurde im Laufe des Jahres 1968 geschlossen.