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Designer-Porträt Arne Jacobsen (1901 - 1970)

Der Universalist
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Ein Sommertag 1938. Hell liegt die Bucht am Sund zwischen Dänemark und Schweden, Dampfer bringen die Tagesurlauber von Kopenhagen hierher. Fröhlicher Lärm liegt in der Luft, Gelächter und Musik; alle freuen sich auf einen sorglosen Tag in dem hypermodernen Seebad, entworfen vom jungen Architekten Jacobsen, von dem jetzt jeder spricht. Wenn das Wetter mitspielt, wird abends im großen Revuetheater sogar das Dach geöffnet wie bei einem Cabrio!

Zeitsprung, ein paar Jahre später, ein paar hundert Meter nördlich. Zwei Ehepaare haben sich für eine Bootstour verabredet. Vier Stunden soll die Fahrt dauern, bis nach Schweden rüber – aber es ist kein Vergnügungsausflug. Der Jude Arne Jacobsen und der linke Kulturjournalist Poul Henningsen müssen fliehen, und sie tun das mit ihren Frauen im September 1943 in einem Ruderboot durch die von Nazi-Deutschen verminte Meerenge. Dass Arne Jacobsen später besonders in Deutschland ein gesuchter Architekt für Rathäuser, Schulen und Firmenzentralen sein wird und dass seine Möbelentwürfe weltberühmt werden – keiner hätte es damals geglaubt, er selbst am allerwenigsten.

Kontrast zwischen Bauhaus und Biederkeit

Nicht nur wegen dieser Zwangspause scheint das Bild von Arne Jacobsen manchmal widersprüchlich. Stilistisch gibt es viele Jacobsens. Sein gebautes Alterswerk ist teilweise kühl und abweisend (etwa sein Rathaus in Mainz). Springt man aber zurück zu Jacobsens erstem eigenem Haus, mit Ende 20 gebaut und eingerichtet, findet man einen Kontrast ganz anderer Art, an der Grenze zur unfreiwilligen Komik: außen weiße Bauhaus-Moderne, innen Biederkeit - Tüllgardinen, Möbel mit gedrechselten Beinen, kleine Topfpflanzen. Von hier zu seinem durchkomponierten Komplett-Look, manchmal als modisches Styling verspottet, war es ein weiter Weg. Und Widersprüche auszuhalten und im glücklichen Fall zu versöhnen, das scheint das große durchgehende Thema seines Lebens zu sein.

Geburt und Kindheit von Arne Jacobsen

Geboren wird Arne Jacobsen 1902 als Sohn eines Kopenhagener Kaufmanns, die Vorfahren kamen aus Portugal und brachten jüdische Wurzeln mit. Der Junge wächst inmitten schwülstiger Tapeten auf, die er, einer Anekdote zufolge, irgendwann weiß übertüncht. Maler will er werden, für den Vater eine brotlose Kunst. Mit dem Argument, ein Architekt müsse auch zeichnen können, macht er ihm das Baustudium an der Kopenhagener Akademie schmackhaft, und so lernt es Arne auf die ganz traditionelle Art: Klassische Bauten werden vor Ort millimetergenau vermessen und skizziert.

Das futuristische Haus der Zukunft

Als er mit einer Arbeit 1925 auf der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille bekommt und in der Urkunde "Artiste" steht, verspottet ihn der Vater: Das müsse ein Irrtum sein, "für einen Künstler bist du zu fett!". In der Tat sind Torten für Arne Jacobsen lebenslang eine Versuchung. Der Vater irrt dennoch: Sein Sohn gewinnt einen Wettbewerb für ein "Haus der Zukunft" und bekommt viel Aufmerksamkeit für seine künstlerisch futuristischen Ideen: Kreisrund ist das Haus, optimistisch und kühn, auf dem Dach ein Hubschrauberlandeplatz, im Basement ein Bootsanleger. Schnell darf der junge Architekt auch ganz real bauen: Wohnhäuser, Rathäuser und als ersten Höhepunkt das Seebad nördlich von Kopenhagen in der Bucht von Klampenborg.

Jacobsens Exil in Schweden dauert nur zwei Jahre, aber es soll ihn stark verändern. Seine Frau Jonna, Textildruckerin, öffnet ihm hier die Augen fürs Botanische. Er malt wie besessen. "Ich muss", sagt er einmal; und ein Besucher: "Es fließt nur so aus ihm heraus." Die Naturmotive haben einen doppelten Effekt. Er kann sie noch aus dem Exil an Warenhausketten als Tapeten- und Stoffdessins verkaufen. Und er wird in seinen botanischen Bildern – anfangs so naturalistisch, dass man die Wiesen, Blumen und Kräuter fast zu riechen meint – immer abstrakter; manche sagen, hier liege die Quelle des späteren Designers Jacobsen mit seinen so typischen organisch-fließenden Linien.

Arne Jacobsen hatte nie mehr als zehn Mitarbeiter

Zurück in Dänemark bringt ihm die Bucht von Klampenborg zum dritten Mal Glück. Wieder baut er hier Siedlungen, hochgelobt für ihre Mischung aus Naturnähe, sozialer Nachbarschaft und entspanntem Komfort. Hier wohnt er auch selbst, wird nie wieder wegziehen und im Basement sein Architekturbüro mit nie mehr als zehn Mitarbeitern betreiben. Treuer Großkunde ist ein pharmazeutischer Konzern. Als dort Kantinenstühle gebraucht werden, entstehen fast nebenbei die ersten von Jacobsens späteren Design-Ikonen – der "Ameisen"-Stuhl und seine Weiterentwicklung, der "7er".

Das innovative Design Arne Jacobsens

Jetzt kann Jacobsen zeigen, was er wie kein anderer mühelos zusammenbringt: das Wissen um klassische Proportionen und den neugierigen Blick nach vorn. Innerhalb weniger Jahre, zwischen 1952 und 1960, schafft er Designstücke, deren Ruhm heute seine architektonische Arbeit überstrahlt. Geschwungene Stühle aus Formholz hatten andere schon vor ihm gemacht, Aalto in Finnland, Eames in den USA. Aber noch keiner hatte es bei einem Serienstuhl gewagt, die durchgehende Holzschale für Po und Rücken nicht nur in einer, sondern in zwei Richtungen zu biegen.

Den Glauben, dass dies funktionieren kann, nimmt Jacobsen von verdrehten hölzernen Flugzeugpropellern. Und er erfindet zwei statische Neuerungen: den Tailleneinschnitt und, an dieser schwächsten Stelle, ein unsichtbares Textilinlay als Stabilisator der gegensätzlichen Federkräfte. Selbst die Holzmanufaktur Fritz Hansen ist anfangs skeptisch, und Jacobsen muss eine Abnahmegarantie für 100 Stühle übernehmen, um die Serienproduktion anzuschieben.

Keine Angst vor neuen Materialien

Es sollte eine der erfolgreichsten Stuhlserien der Welt werden. Jacobsen hat in den optimistischen 50er Jahren, die manche auch "Taille des Jahrhunderts“ nennen, die dazugehörende Linie gefunden, raffiniert und doch pur, modern, aber doch natur- und handwerksnah. Und weil er keine Angst vor neuen Materialien hat, geht er noch weiter. "Schwan" und "Ei" entstehen aus einem Styroporkern – eigentlich sehr unskandinavisch.

Doch Jacobsen reizen die freien bildhauerischen Möglichkeiten. Er kann dies, weil er beim Prestigeprojekt des neuen Kopenhagener "SAS Royal Hotel" durchgesetzt hat, dass er buchstäblich alles entwerfen darf, von der Glasfassade bis zu den Details der Innenausstattung. "Stildiktat", "Aquariumsarchitektur" – zur Eröffnung 1960 gibt’s durchaus nicht nur Lob, sondern auch Kritik und Spott für den Komplett-Look.

"Er war Perfektionist und gewitzt."

Heute, mit Abstand, sieht jeder, was es auch war: das erste konsequente Designhotel, als dies noch niemand so nannte. Auch in anderem erweist sich Jacobsen heute als Pionier, klarsichtig erkannte er die Wichtigkeit von Farbkonzepten. Und, noch folgenreicher: die immense Kraft bildhafter Silhouetten. Sein eigenes, sein persönliches Bild dagegen scheint widersprüchlicher. Jacobsen-Forscher Carsten Thau von der Königlichen Kunstakademie Kopenhagen muss lange überlegen, um den Menschen Jacobsen zu erklären. "Er war Perfektionist und gewitzt", sagt er, "und er war scheu und nach innen gewandt. Ich glaube, zwischen diesen beiden Polen ist er sein ganzes Leben lang gependelt."

Autor: Rolf Mecke

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