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Designer-Porträt Achille Castiglioni (1917 - 2001)

Der Zauberer
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Kann ein wippender Traktorsessel Kunst sein? Und verdient ein Fahrradsattelhocker eine Goldmedaille für gute Form? Einzeln gesehen sind es vielleicht nur liebenswerte Schrulligkeiten, doch haben Stücke wie diese das moderne Design begründet. Und noch mehr das Bild des Designers, wie er sich selbst am liebsten sieht: als freier Autor und furchtloser Forscher, als mutiger Collagist und gewitzter Ideenjongleur.

Als Achille Castiglioni 2002 mit 84 Jahren starb, überboten sich die Trauerbekundungen mit hymnischen Nachrufen. "Er hat nicht mit dem Zeichenstift entworfen, sondern mit dem Kopf", schwärmte Michele De Lucchi, in Paris bekannte Philippe Starck: "Ohne ihn gäbe es uns gar nicht!" und in London Norman Foster: "Er war mein Held." Ziemlich viel Ehre für einen - aber genau genommen war Achille auch nicht allein gemeint, nur hatte er von einst drei entwerfenden Castiglioni-Brüdern am längsten gelebt, sodass er ein Stück Legendenbildung miterleben konnte.

Die Brüder Castiglioni

Ihr aller Vater Giannino Castiglioni war Bildhauer, arbeitete noch am reich verzierten Mailänder Dom mit, doch seine drei Jungs zog es ins Modernere und zum Architekturstudium. Sieht man sie auf einem frühen Bild aus den 30ern – drei Brüder auf dem Weg zum Tennisplatz –, dann ist da selbst mitten in Mussolinis Fascismo-Jahren ein Hauch lässigen Dandytums zu spüren. Als Achille, der jüngste, in das Architekturbüro der Brüder eintritt, ist er 26 Jahre alt und voller Tatendrang. Zwar sind Bauaufträge rar und Livio, der älteste der drei, steigt nach ein paar Jahren aus, um sein Gück in der Radiobranche zu suchen.

Doch Achille und Pier Giacomo machen, was nach ihnen viele Designer tun: Sie behalten das "Architetto" auf der Visitenkarte, aber sie weichen auf Kleinobjekte und Interieur aus. Erste Werke sind ein aluminiumleichter Staubsauger zum Umschnallen und eine Deckenfluterleuchte, schlank wie ein Besenstiel. Als der Vater sie einmal beim Entwerfen beobachtet, sagt er: "Ihr nehmt immer nur weg, irgendwann ist gar nichts mehr da." – "Das gefiel ihm nicht", erzählt Achille später in einem Interview, "aber unser System hatte er verstanden; wir wollten durch Weglassen zum Eigentlichen kommen, zur Essenz."

Das "System Castiglioni"

In Messe-Inszenierungen können sie sich ausprobieren, und sie tun das unabhängig von allen Schulen, ohne Berührungsängste dem Neuen, aber ebenso neugierig dem Historischen gegenüber. Jahrzehnte später wird man die Freiheit des Kombinierens "das System Castiglioni" nennen, später wird man auch analysieren, was sie jetzt, in den 50ern, alles machen, vieles davon aus reinem Spaß an der Freiheit. Für den Fernsehsender RAI lassen sie Besucher durch leuchtende Wolken gehen, für einen Keramikhersteller bauen sie einen Prüfungsparcours durch WC-Schüsseln.

Ihre erste Designikone entsteht, ohne dass sie es recht merken: Für die Ausstellung "Colori e forme nella casa d’oggi" (Farbe und Formen im Heim von heute) stellen sie zwischen Paravents und hängenden Regalen einen schlichten Treckerstuhl mit ins Bild. Erst 20 Jahre später wird er von Zanotta auf den Markt gebracht, und Kunstkritiker rekonstruieren die Castiglioni-Installation, weil sie darin erste Beispiele für Stilmix und mobiles Wohnen sehen – im Rückblick; in den 50ern erntet der Raum eher Achselzucken.

Das Erfolgsthema Licht

Ersten realen Erfolg haben die Brüder 1960 mit einer Biergaststätte ("Splügen-Bräu"), die sie in einem selbst für Mailand mutigen Stilkontrast einrichten: Bänke wie in einer Kirche, darüber Lampen aus spiegelndem Aluminium. Überhaupt Licht: Mit der gerade neu gegründeten Firma Flos haben sie ihren ersten großen Partner und ihr erstes auch kommerziell großes Thema gefunden. Wieder mixen sie Alt und Neu, und sie bauen Leuchten, wie es sie noch nicht gibt. Ein Kunststofffilm aus der Spraypistole umhüllt ein Drahtgestell, als sei es ein Seidenkokon, eine riesiger raumgreifender Lampenbogen wird gehalten von einem 60-Kilo-Marmorblock, und eine Stativstange trägt nichts weiter als einen Autoscheinwerfer.

Fotogen platziert in historischen Palazzi, werden die eigensinnigen Leuchten schnell zu Stars des neuen italienischen Designs. Mitten im Erfolg dann 1968 der Schock: Pier Giacomo stirbt, nur 55-jährig. "Wie zwei Köpfe auf einem Körper" seien sie gewesen, schreibt der "Corriere della Sera", und Achille erzählt Jahre später, dass er aufgeben wollte. "Es kam so plötzlich! Und ich wusste nicht, wie ich allein, ohne meinen Widerpart, ohne ihn als Gesprächspartner, meine Arbeit organisieren sollte." Lange habe er sich damit geholfen, "einfach so zu tun, als sei er noch da".

Die Universität als Spielfeld

Er sucht sich, wie vorher nur sein Bruder, jetzt auch die Universität als Spielfeld und besinnt sich auf seine Studienerfahrungen in den letzten Kriegsmonaten, als für tiefgehende Seminare keine Zeit mehr war und ihm sein Dozent riet: "Nimm dir ein Projekt und improvisiere, so gut du kannst." Das passt jetzt doppelt gut.

Theorien gegenüber waren die Castiglioni-Brüder immer schon skeptisch gewesen, und zieht man von ihren Statements die melodiös-theatralische Rhetorik der italienischen Sprache ab, bleiben wenige Merksätze übrig. Einer lautet: "Eigentlich ist schon alles erfunden, man muss es nur sehen", ein zweiter wird jetzt zum gelebten Leitspruch des Hochschullehrers Achille: "Wenn du selbst nicht neugierig bist, langweile nicht andere." Das tut er nun ganz bestimmt nicht. Seine Hörsäle sind überfüllt, so charismatisch wurde Design noch nie erklärt. Er bekommt Szenenapplaus, wenn er nachspielt, wie er für seine Frau eine schlichte Leselampe fürs Bett entwirft, weil er lieber schlafen will, oder zeigt, wie leicht sich mit einem Besenstiel schwere Marmorblöcke verschieben lassen.

Das macht Lust auf den Designerberuf, auch wenn Nachfolgegenerationen merken, dass das Umgekehrte leider auch gilt: Was immer sie an neuen Ideen versuchen, Castiglioni hat es längst vor ihnen ausprobiert – den ironischen Zeitsprung, den Kontrast der Materialien, den fremden neuen Zusammenhang. Noch mit über 70 entwirft er wenige klare Dinge: ein Regal, das sich an einer Mittelachse auffächern lässt, eine Leuchte, die an ein Ei aus Porzellan erinnert, oder ein Besteck mit den kantigen Griffen von Zimmermannsbleistiften.

Castiglioni-Studio - eine Wunderkammer

Zur Inspiration sammelt er Allerweltsfundstücke, seine Schränke sind voll mit exotischen Werkzeugen und Spielzeug – und sie sind es noch heute. Denn dank einer Stiftung ist das Castiglioni-Studio als Museum konserviert, wie eine Wunderkammer aus einer Zeit, als Design noch von Hand gemacht wurde. "Schauen Sie hier", sagt Giovanna, die eine kleine Gruppe über die knarrenden Dielen zu den raumhohen Magazinschränken führt, "es ist alles noch da." Sie muss es wissen, sie ist eigentlich fast selbst Teil des Museums. Sie ist Achilles Tochter, sie hat noch gespielt, wo der Papa spielerisch Design entwickelte.

Mag der bildhauernde Opa im Kunstreiseführer stehen – die langen Wartelisten für die Führungen gibt es im Atelier seiner Söhne: So populär ist Design geworden. Und das ist die eigentliche Kunst an einem Traktorsitz, der seine Betrachter verzaubert – dass er sie lächeln lässt.

Autor: Rolf Mecke

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