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Verschandelt Energiesparen unsere Häuser?

Fast jährlich werden die gesetzlichen Energiestandards im Wohnungsbau verschärft. Auf dem Weg zum Passivhaus verschwinden auch feingliedrige Ziegelbauten hinter Dämmschichten. Doch längst regt sich Widerstand. Wir fragten den Architekten Christoph Mäckler und den Energieberater Lutz Dorsch, ob nachhaltige Architektur hässlich sein muss
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HÄUSER: Auf unserer Bahnfahrt hierher sind wir an zahllosen Häusern und Scheunen vorbeigefahren, auf denen Photovoltaik-Module in der Sonne glänzten. Herr Mäckler, Herr Dorsch, ist das eigentlich eine positive Entwicklung?

CHRISTOPH MÄCKLER: Photovoltaik kann da, wo sie Sinn macht, natürlich eingesetzt werden. Wenn Sie große Fabrikdächer haben oder in Gewerbegebieten große Hallen, sind das die richtigen Orte. Auch in eine moderne Fassade kann man diese Module integrieren und damit gute Architektur gestalten. Aber es gibt eben auch Orte, wo sie das Stadtbild, das Ortsbild, das über Jahrhunderte gewachsen ist, zerstören.

LUTZ DORSCH: Das ist für mich eine Geschmacksfrage. Man kann Photovoltaik mehr oder weniger ästhetisch integrieren, aber entscheidend ist das Energiekonzept, das wir mit ihrer Hilfe umsetzen wollen.

MÄCKLER: Ich halte das nicht für eine Geschmackssache. Hier geht es um Baukultur, um Proportionen, Farben, Materialität. In Marburg etwa wollte die Stadtregierung veranlassen, dass alle Hausdächer mit Photovoltaik ausgestattet werden, aber die Bürger haben sich gewehrt. Mit Recht! Und es wäre absurd zu glauben, es gäbe ein technisches Allheilmittel, um in Deutschland Energie zu sparen.

DORSCH: Wir werden aber in Zukunft viel mehr Wert auf eine dezentrale Stromerzeugung legen müssen, und hier spielt diese Technologie eine wichtige Rolle.

MÄCKLER: Sie gehen vom aktuellen Stand der Technik aus und verkennen, dass sie in 40 Jahren überholt sein kann. Wir sollten nicht unsere Baukultur zerstören, damit wir Weltmeister im Energiesparen sind!

Schöne Architektur nur ohne Wärmedämmung?

HÄUSER: Wie schätzen Sie denn andere Maßnahmen zur Energieeffizienz ein?

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MÄCKLER: Wärmedämmverbundsysteme, um noch ein Beispiel zu nennen, halte ich ökologisch für den größten Dreck überhaupt. Sehen Sie mal hier (Mäckler hält einen Katalog hoch), dieser Hersteller bietet schon Systeme für die Sanierung der Sanierung an. Die zeigen hier alle Defekte, die in 15 Jahren entstanden sein können, und wollen mit der Reparatur Geld verdienen.

DORSCH: Lassen Sie uns bitte auf derselben Baustelle bleiben! Natürlich wurden und werden viele Maßnahmen nicht fachgerecht ausgeführt. Aber das bedeutet doch nicht, dass wir untätig bleiben können, gerade im Bestand mit seinem gewaltigen Anteil am Energieverbrauch! Wenn ich mein Haus saniere, dann tue ich das mit einer Perspektive auf 30 Jahre. Hier sind gerade auch Sie als Architekt und Vertreter eines Forschungsinstituts gefragt, Lösungen anzubieten.

HÄUSER: Sie würden also im Zweifel, wenn es um die Erreichung der Klimaschutzziele der Bundesrepublik geht, lieber Klinkerfassaden hinter Wärmedämmverbundsystemen verschwinden lassen?

DORSCH: Ja!

HÄUSER: Und Sie, Herr Mäckler, sagen: "Um Gottes willen, niemals"?

MÄCKLER: Genau. Ich finde unsere deutsche Art, immer die Ersten sein zu wollen, fatal. Wenn wir in 50 Jahren nach Paris fahren, werden wir diese Stadt mit ihren historischen Fassaden lieben. Und dann fahren wir nach Bamberg oder nach Regensburg, wo die alten Mauern hinter 30 Zentimeter Wärmedämmung verschwunden sind. Und sind stolz, dass wir mal wieder die Vorreiter waren? Nein, so geht das nicht.

DORSCH: Es stimmt einfach nicht, dass nur wir Deutschen das Thema wichtig nehmen. Im europäischen Vergleich liegen wir etwa bei den Vorschriften zur Energieeffizienz von Neubauten im hinteren Drittel.

Gibt es Alternativen zu den derzeitigen Standards?

HÄUSER: Herr Mäckler, Sie streben ja bei mehreren Ihrer Bauten den internationalen LEED-Standard in Gold an, ein anspruchsvolles Siegel für nachhaltiges und energieeffizientes Bauen. Ist das Marketing oder Überzeugung?

MÄCKLER: Beides. Wir können damit Geld verdienen, aber wir bauen schon seit 30 Jahren mit einem ganzheitlichen Ansatz. So komme ich auch zu einer ganz anderen Bewertung der Bautätigkeit in Deutschland. Wenn eine Bundesregierung beschließt, dass wir weniger Energie verbrauchen sollen, dann muss sie auch dafür sorgen, dass jede Einzelhäuschenbebauung auf der grünen Wiese gestoppt wird. Per Gesetz und sofort! Hier finge wirksame Energieeinsparung an.

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HÄUSER: Sind Sie genervt, wenn durch immer neue Vorschriften die Anforderungen an den Wärmeschutz ständig verschärft werden?

MÄCKLER: Ja, ich bin genervt, aber vor allem von diesem blinden Vertrauen in Produkte der Industrie. Unsere Autos werden demnächst mit Kartoffelsaft fahren, aber Erdölprodukte kleben wir auf Häuserwände? Wie kann es angehen, dass es Wärmedämmverbundsysteme sogar für Neubauten gibt? Das ist doch kein nachhaltiges Bauen! Das ist Schrott und gehört verboten! Wenn Sie wärmegedämmte Ziegel einsetzen, die Öffnungen kleiner machen, nicht so viel Glas verbauen, wenn Sie die Zersiedlung der Landschaft, die viel Energie kostet, beenden, dann brauchen Sie diesen Sondermüll nicht.

HÄUSER: Herr Dorsch, wie erleben Sie die Produktkenntnis von Architekten, wenn es um energieeffizientes Bauen geht?

DORSCH: Es fehlt vielfach das Basiswissen für eine sinnvolle Planung, darüber, welche Komponenten ich einsetzen kann, um ein bestimmtes Ziel an Energieeffizienz zu erreichen. Das gilt aber für viele am Bau Beteiligten. Die meinen, "das kann ich alles selber". Können sie leider nicht, weil sie dieses hochkomplexe Gebilde eines nachhaltigen Gebäudes nicht durchschauen.

HÄUSER: Was schlagen Sie vor, wenn Sie etwa für den Eigentümer eines todschicken Winkelbungalows aus den sechziger Jahren ein Sanierungskonzept entwickeln sollen? Eine Dreifachverglasung mit wuchtigen Profilen würde doch die filigrane Wirkung der Architektur zerstören, oder?

DORSCH: Na ja, nach vorn nehmen Sie die Stärke der Profile nicht so stark wahr, weil sie weniger breit als vielmehr tief sind. Ich finde, dagegen spricht nichts.

MÄCKLER: Das finde ich aber doch. Ich würde empfehlen, ein Kastenfenster zu bauen, einen zweiten Rahmen dahinter oder davor zu setzen, um diese Feinheit der Rahmen zu erhalten.

DORSCH: Ja, das kann funktionieren. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten und nicht nur eine Lösung. Es kommt auch darauf an, welchen Standard an Energieeffizienz ich erreichen will, und das ist der Punkt, von dem aus ich mein Konzept entwickele.

Schaden durch Unwissen

HÄUSER: Trotzdem stellen wir fest, dass solche Lösungen nur sehr selten realisiert werden, dass gestalterische hinter praktischen Erwägungen zurückstehen. Warum?

MÄCKLER: Es gibt leider nur wenige Architekten, die wissen, wie man ein Kastenfenster konstruiert. Und die Industrie vermittelt es nicht, weil sie lieber ihre Dreischeibenverglasung verkauft. Übrigens vermitteln das auch die Hochschulen nicht. In der Gestaltung sind unsere jungen Kollegen richtig gut, aber ihr baukonstruktives Wissen ist sehr bescheiden.

HÄUSER: Es gibt ja typische Bauschäden, die aufgrund von, nennen wir sie, Bemühungen um Energieeffizienz entstehen, Feuchteschäden nach einem Fenstertausch beispielsweise. Wie oft begegnet Ihnen das, Herr Dorsch?

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DORSCH: Viel zu oft. Bauphysik und der richtige Umgang mit Energie sind sehr komplexe Themen, und ich muss mir die Mühe machen, sie den Bauherren verständlich und nachhaltig zu erklären. Wenn ich in ein funktionierendes System wie einen Altbau eingreife, bleibt das nicht ohne Folgen.

MÄCKLER: Aber die Leute wissen damit nicht umzugehen. Sie gehen aus dem Haus, lüften kaum, drehen die Heizung runter und provozieren damit Schimmelbefall. Wir kennen Wohnungsbaugesellschaften, deren Juristen sich um nichts anderes kümmern, als Mietern nachzuweisen, dass sie falsch gelüftet haben.

DORSCH: Ich muss die Menschen eben aufklären.

MÄCKLER: Das haben die ja gemacht! Aber die Leute befolgen es nicht.

DORSCH: Und ich kann dem abhelfen mit einem Außenluftdurchlass, der auf Druckunterschied reagiert und für einen Feuchteabtransport sorgt.

MÄCKLER: Erst bauen Sie luftdichte Fenster ein und machen dann ein Loch in die Außenwand?

DORSCH: Weil ich so den Lüftungswärmeverlust auf das notwendige Minimum reduziere! Ein Teil der Energieeffizienz ist eben auch ein Lüftungskonzept.

HÄUSER: Es gibt einige Bauweisen mit langer Tradition, die modern wirken – siehe Kastenfenster. Könnten sie häufiger eingesetzt werden?

MÄCKLER: Unbedingt, zumal wir ja eine Menge Fehlentwicklungen erlebt haben, denken Sie nur an Asbest oder an Pestizide für den Holzschutz. Für mich ist das Wärmedämmverbundsystem ein ähnlich großer Fehler. Setzen Sie lieber eine zweite Steinschale, etwa aus porosierten Ziegeln, oder eine Vorhangfassade davor. Das ist teurer, aber nachhaltig.

Die Gesprächspartner:


  • Lutz Dorsch, 43, ist Geschäftsführer des Dorsch und Hoffmann Instituts für Energieeffizienz in Erkrath. Als Mitglied im Deutschen Energieberater-Netzwerk berät der Bauingenieur Bauherren und Institutionen.

  • Christoph Mäckler, 59, der ein Büro in Frankfurt unterhält, zählt zu den führenden und meinungsfreudigsten deutschen Architekten. Hauptwerke sind der Lindencorso in Berlin und mehrere Bürohochhäuser in Frankfurt, darunter der Opernturm. Mäckler ist seit 1998 Professor für Städtebau an der Technischen Universität Dortmund.

  • Das Interview führten HÄUSER-Redakteur Ansgar Steinhausen und HÄUSER-Mitarbeiter Sven Rohde im Deutschen Institut für Stadtbaukunst der Technischen Universität Dortmund.

HÄUSER: Welche Perspektiven sehen Sie für die nächsten zwanzig Jahre?

DORSCH: Energieeffizienz ist hochkomplex, aber das wollen viele nicht akzeptieren. Wir müssen dringend die Fortbildung intensivieren. Sonst sind Bauschäden die logische Folge.

MÄCKLER: Was heute im Zeichen der Energieeffizienz entsteht, ob Sanierung oder Neubau, werden wir in zwanzig Jahren als old fashioned belächeln. Dann sind manche Materialien, die heute üblich sind, hoffentlich verboten. Und manche traditionelle Bauweise stattdessen wieder hochaktuell.

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